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Franz Vogt

"Die Welt rüstet im Fiebertempo zum größten Massenmorden der Weltgeschichte."

Franz Vogt

 

"Einer der aktivsten Organisatoren von Widerstandszellen."

Johannes Volker Wagner

Daten & Fakten

Lebensdaten
Orte des Widerstands
Werdegang (Schule, Ausbildung, Beruf)
Mitgliedschaften, Politisches Engagement
Rezeption, Literatur, Filme und andere Quellen
Widerstandskräfte
Das Recht, wofür sich die Person einsetzt

Einleitung

Franz Vogt (1899-1940) hat als Gewerkschaftssekretär, SPD-Mitglied, gewählter Abgeordneter im Preussischen Landtag und zeitweiliges Mitglied des Reichstags die Interessen der Bergarbeiter vertreten und den aufkommenden Faschismus aktiv bekämpft.

Die Geschichte

Franz Vogt (1899-1940)

Sozialdemokrat und Gewerkschafter im Kampf gegen den Faschismus

Eroeffnung FBB 2019Die Geschichte von Franz Vogt ist eine Geschichte des politischen Widerstandes. Er musste 1933 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen, am 21. Juni 1933 erreichte er das Saarland. Auslöser für die Entscheidung zur Flucht war der Beschluss der Hitler-Regierung, alle SPD-Landtags- und Reichstagsmandate für verfallen zu erklären. Damit bestand die Gefahr der sofortigen Verhaftung, der Franz Vogt nach seinen Erfahrungen mit der SA unbedingt entgehen wollte. Schon im April 1933 wurde er bei der Einforderung seiner persönlichen Unterlagen schwer misshandelt: "Kaum hatte ich das SA-Büro betreten, da fiel man wie Wilde über mich her. Sich wehren war unmöglich (...). Nach vielen Stunden der Marterung warf man mich auf die Strasse" (Peukert, S. 29).

Franz Vogt hatte die erste Besetzung der Gewerkschaftshäuser durch die SA am 10./11.März 1933 erlebt und war der Verhaftung nur durch eine Namensverwechslung entgangen. Am 2. Mai 1933 wurden die Gewerkschaftshäuser erneut und endgültig durch die SA besetzt. Franz Vogt dazu: "Alle Gebäude der freien Gewerkschaften von der SA besetzt. Vermögen beschlagnahmt. Führer ins Gefängnis geworfen" (Peukert, S. 31). Dieser Schlag der Hitler-Diktatur gegen die Organisationen der Arbeiter und Angestellten änderte sein Leben.

Geboren wurde Franz Vogt am 16. Oktober 1899 in Karschin (Landkreis Grünberg, Schlesien), er nahm von Juni 1917 bis November 1918 am Ersten Weltkrieg teil und geriet in russische Kriegsgefangenschaft, später wurde er Mitglied des Freikorps von der Lippe, eine Grenzschutztruppe.

Seit 1920 war Franz Vogt Mitglied der SPD. 1926 wurde er Hauptreferent für wirtschaftliche Fragen in der Zentrale des Bergarbeiterverbandes in Bochum, 1932 wurde er Abgeordneter im Preussischen Landtag und im gleichen Jahr Leiter der Republikschutzorganisation "Reichsbanner Schwarz Rot Gold" in Bochum. In diesen Funktionen analysierte er die Klassengegensätze, beschreibt die politischen Auseinandersetzungen und beobachtet genau den aufkommenden Faschismus in der Weimarer Republik. Er erkennt die veränderten politischen Rahmenbedingungen nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 sehr genau und die daraus resultierenden Nachteile für die organisierten und nicht-organisierten Arbeiter und Angestellten: "Der Streik wird eine stumpfe Waffe" (Peukert, S. 22).

Die Schwäche der organisierten Arbeiterschaft führe dazu, das sagte Franz Vogt vorher, dass "der kapitalistische Gegner seine letzten Mittel zum Erhalt der ihm günstigsten Gesellschaftsordnung" einsetzen wird (Peukert, S. 22). Schon 1930 - bei den Reichstagswahlen erzielte die NSDAP 107 Mandate - machte er sich keine Illusionen über den Faschismus mehr und war zusätzlich schwer erschüttert über die Urteilsunfähigkeit von Gewerkschaftern, die der NSDAP ihre Stimme gegeben hatten: "Mir entstanden ernshafte Zweifel an dem sittlichen Wert eines Volkes" (Peukert, S. 22).

Nach dem 2. Mai 1933 war eine offene ungestörte Tätigkeit als SPD-Landtagsabgeordneter und Gewerkschaftssekretär nicht mehr möglich. Franz Vogt entschied sich für das Exil. Er wollte damit der politischen Verfolgung, der Verhaftung entgehen und den "nationalsozialistischen Bestien nicht ein zweites Mal in die Hände fallen". Unter den Bedingungen der politischen Verfolgung könne er "nur Märtyrer werden. Märtyrer aber haben wir genug. Draußen kann ich vielleicht etwas tun, um den Genossen im Kampf zu helfen" (Peukert, S. 34). Franz Vogt wechselte seinen Wohnort im September 1933 nach Amsterdam und konzentrierte seine Tätigkeit auf die Mitarbeit an der linkssozialistischen Freien Presse, den Bergarbeitermitteilungen, der Bergarbeiterzeitung und anderen Publikationen. Das Ziel der redaktionellen und publizistischen Tätigkeit war die Stärkung des Widerstandes gegen die Nazi-Diktatur. Leben und Arbeiten fand unter denkbar schlechten Bedingungen statt. Allen im Exil lebenden war die politische Betätigung in Holland verboten. Deutschsprachige Zeitungen herzustellen führte zu ständigen Eingriffen und Beschränkungen durch holländische Behörden, die damit ihrerseits auf den diplomatischen und politischen Druck durch die Reichsregierung in Berlin reagierten. Nur auf illegalen Wegen konnten die Zeitungen über die Grenze nach Deutschland gebracht und unter großen Gefahren verteilt werden.

Illegal war auch der Versuch von Franz Vogt, unterbrochene und abgerissene Kontakte zu SPD-Mitgliedern und Gewerkschaftern wiederherzustellen und Gruppen aufzubauen, ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit im Exil: "Vogt war einer der aktivsten Organisatoren von Widerstandszellen", heißt es in Hakenkreuz über Bochum (Wagner S. 253).

Franz Vogt hatte politische Standpunkte und Überzeugungen, die es ihm möglich machten, auszuhalten und durchzuhalten. Er bekämpfte die "kapitalistische Wirtschaftsanarchie" und wollte die "sozialistische Ordnung". Dahin "gelange man aber nur durch den politischen Kampf" (Peukert, S. 22). Ab 1933 war es für überzeugte Gewerkschafter lebensbedrohlich, in Deutschland zu verbleiben. Seine Entscheidung für den Weg ins Exil war eine überlebensnotwenige Entscheidung.

Das Leben im Exil war nur unter neuen Erschwernissen möglich: Trennung von der Familie, äußerst bescheidene materielle Bedingungen, unsicherer Aufenthaltsstatus, ständige Angst vor Ausweisung etc. Unter diesen Bedingungen eine illegale Tätigkeit auszuüben, das konnte Franz Vogt nur, weil seine politischen Überzeugungen stärker waren als seine Angst. Franz Vogt war ein kluger, ein weitsichtiger Mensch. In seinen autobiographischen Aufzeichnungen vom März 1934 beschreibt er seine Befürchtungen vor der Zukunft: "Am politischen Himmel ballen sich die Wolken zusammen. Ein Krieg scheint unvermeidlich. Die Welt rüstet im Fiebertempo zum größten Massenmorden der Weltgeschichte" (Peukert, S. 43). Fünf Jahre später begann der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen und im Mai 1940 marschierte die deutsche Wehrmacht in den Niederlanden ein und besetzte das Land.

Franz Vogt konnte diese Situation nicht ertragen, er beging am 14. Mai 1940 Selbstmord. Er empfand den Überfall auf die Niederlande als unerträgliche "zweite Niederlage" nach der Übergabe der Macht an die NSDAP am 30. Januar 1933.

Die Stadt Bochum hat eine Straße nach Franz Vogt benannt.

2019 gedachte das Bochumer "Bündnis gegen Rechts" Franz Vogt im Rahmen der Auftaktveranstaltung der Fritz Bauer Bibliothek in Bochum.

Das Bochumer "Bündnis gegen Rechts" wird 2020 einen Stolperstein zum Gedenken an Franz Vogt verlegen.

Literatur

Detkef Peukert und Frank Bajohr, Spuren des Widerstandes. Die Bergarbeiterbewegung im Dritten Reich und Exil. München: C.H. Beck Verlag, 1987.

Ernst Kienast (Hrsg.); handbuch für den Preußischen Landtag. Ausgabe für die 5. Wahlperiode. Berlin 1933, S. 392.

Johannes Volker Wagner, Hakenkreuz über Bochum. Bochum: Studienverlag Brockmeyer, 1983.


Zitat: Uli Borchers, "Franz Vogt (1899-1940). Sozialdemokrat und Gewerkschafter im Kampf gegen den Faschismus", in: Fritz Bauer Bibliothek, 11 (2019), URL: http://fritz-bauer-datenbank.de/de/redaktion/759-franz-vogt

 

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