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Erzbischof

Desmond Tutu

"Natürlich wollen wir grundlegende Veränderungen. Wenn das Revolution ist, dann bin ich ein Revolutionär. Selbst Jesus war das, er wollte Güte, Gerechtigkeit und Vergebung."

Desmond Tutu

 

Daten & Fakten

Lebensdaten
Familie
Orte des Widerstands
Werdegang (Schule, Ausbildung, Beruf)
Mitgliedschaften, Politisches Engagement
Rezeption, Literatur, Filme und andere Quellen
Widerstandskräfte
Das Recht, wofür sich die Person einsetzt

Einleitung

Desmond Mpilo Tutu widmete sein Leben der gewaltfreien Überwindung der Apartheid, einem friedlichen Übergang der südafrikanischen Gesellschaft in eine von Demokratie und Gleichheit getragene Zukunft nach dem Ende des Regimes der Rassentrennung. Im Zentrum seines Wirkens stand die Suche nach Wahrheit und das Engagement um Aussöhnung zwischen weißen und schwarzen Südafrikaner_innen. (Foto: Benny Gool)

Die Geschichte

Vergebung und Versöhnung

Erzbischof Desmond Tutu und die Überwindung der Rassentrennung in Südafrika


„Vergebung ist der einzige Weg aus der Falle,
in der ein Unrecht uns gefangen hält.“

Prägungen

Als Desmond Tutu am 7. Oktober 1931 in Klerksdorp, einer Stadt im Süd-Westen der Transvaal-Provinz geboren wurde, befand sich Südafrika bereits auf dem Weg in einen Unrechtsstaat gesetzlich geregelter Rassentrennung. Er wuchs mit dem Bewusstsein auf, ausgegrenzt zu sein, einer Gruppe anzugehören, der von der herrschenden Minderheit auf Grund ihrer Hautfarbe grundlegender Respekt und jede Anerkennung verweigert wurde.

Wie tiefgreifend diese Erfahrung der Erniedrigung und Ausgrenzung für ihn gewesen sein muss, zeigt eine Kindheitserinnerung an eine Begegnung mit einem weißen Geistlichen, der seine Mutter auf der Straße vorbehaltlos grüßte. Für Desmond Tutu war diese persönliche Geste so außergewöhnlich und jenseits der gewohnten Behandlung durch Weiße, dass er dieses Ereignis Jahrzehnte später zu einem Schlüsselerlebnis erklärte. Er habe auf diese Weise als Kind erfahren, dass Diskriminierung nicht als selbstverständlich hingenommen werden und auch nicht unbedingt von allen Weißen praktiziert werden musste. Vor allem konnte diese Degradierung nicht naturgegeben, nicht von Gott gewollt sein, wenn ein weißer Priester sich über diese Formen der Ausgrenzung hinwegsetze. Auch sei aus dieser Erfahrung später die Erkenntnis erwachsen, dass der christliche Glaube ein starkes Werkzeug zur Überwindung der Ungleichheit darstellen kann.    

Prägend war für den jungen Desmond Tutu auch das ambivalente Verhältnis zu seinem Vater Zachariah Tutu, der als Direktor einer Schule für Schwarze in Klerksdorp tätig war. Alkohol- und Gewaltexzesse des Vaters begleiteten die Kindheit und Jugend Besonders litt Desmond Tutu darunter, zusehen zu müssen, wie die Mutter Aletha misshandelt wurde, während er selbst zu schwach war, um sie zu beschützen. Lange hatte er daran zu tragen. Zumal der Vater jenseits dieser Eruptionen auch anders sein konnte, liebevoll, ein Vorbild und, wie Desmond Tutu älter werdend erkannte, selbst zutiefst verletzt und damit überfordert war, ja darunter lebenslang litt. Dem längst verstorbenen Vater würde der heute 87-jährige Desmond Tutu gerne mitteilen, dass er ihm verzeihe. Die Erinnerung an das Gefühl, hilflos ausgeliefert zu sein, begleitete ihn dennoch für Jahrzehnte.[1]

Eine weitere tiefgreifende Prägung erfuhr Desmond Tutu, nachdem die Familie 1945 auf Grund einer Versetzung des Vaters nach Sophiatown, einer Stadt nordwestlich von Johannesburg gezogen war. Der Vater hatte dort die Stelle des Direktors einer Highschool für Schwarze übernommen, die auch Desmond fortan besuchte. Inzwischen vierzehn Jahre alt, erkrankte er in dieser Zeit an Tuberkulose, von der er sich nur sehr langsam erholte. Hieraus entstand der Wunsch, Medizin zu studieren.

In Sophiatown lernte er auch Father Trevor Huddleston (1913-1998) kennen, einen britischen Anglikaner, Pastor der reformierten englischen Kirche, der als Missionar in den Townships, den Vorstädten für schwarze Südafrikaner_innen, tätig war und sich bereits in den 1950er Jahren in der Anti-Apartheidbewegung engagierte.[2] Huddleston führte Desmond Tutu nicht nur an englische Literatur heran und versorgte ihn während seiner Krankheit mit Büchern, er nahm vor allem großen Einfluss auf seine religiöse Entwicklung. Die Familie Tutu war bereits 1943 der Anglikanischen Kirche beigetreten und nach seiner Genesung nahm Desmond als Kirchendiener an den Gottesdiensten des Geistlichen teil. Im Zuge der Einführung der Apartheidgesetze ab Beginn der 1950er Jahre rief der britische Pastor zu passivem Widerstand gegen das Regime auf trat in den Folgejahren als Mitinitiator der ersten Aufrufe zu internationalem wirtschaftlichen Boykott gegen das Apartheid-Regime auf.[3] Sein politisches Engagement begründete Huddleston, der 1955 als erster Weißer den Ehrentitel Isitwalandwe, die höchste Auszeichnung des ANC, für sein Engagement gegen die Apartheid erhielt, mit der Unvereinbarkeit von Rassismus mit dem Evangelium und den fundamentalen Werten des Christentums.[4] Auch Desmond Tutu bezieht bis heute seine Kraft für seinen friedlichen Kampf für Gleichheit, Gerechtigkeit und Versöhnung aus dem christlichen Menschenbild.

Der Wunsch Desmonds, Medizin zu studieren, erfüllte sich jedoch nicht. Der Familie fehlten die finanziellen Mittel für das teure Studium. Stattdessen folgte er dem Beispiel seines Vaters und studierte Lehramt. Ab 1954 unterrichtete er an seiner früheren Highschool in Sophiatown und erlangte 1955 zusätzlich den akademischen Grad eines Bachelor of Arts. Er wurde ein inspirierender Lehrer, der seinen Schüler_innen Mut zur Bildung machte, mit der sie soziale Ungleichheit überwinden könnten.[5]

Die Apartheid, die mit ihren Gesetzen zur Rassentrennung ab Beginn der 1950er Jahre schrittweise alle Lebensbereiche durchdrang, machte jedoch auch vor dem Bildungsbereich nicht Halt: Mit dem Bantu Education Act von 1953[6] wurde Schwarzen nur noch rudimentäre Bildung zugestanden, die zur Ausübung einfacher, subalterner Tätigkeiten gebraucht wurde. Die höhere Schuldbildung war schwarzen Südafrikanern_innen von da an per Staatsautorität versagt. Drei Jahre unterrichtete Desmond Tutu noch unter diesen schwierigen Bedingungen, dann quittierte er 1956 den Schuldienst aus Protest gegen die staatlich verordnete Verschlechterung des Bildungsstandards der schwarzen Bevölkerungsmehrheit. Desmond Tutus Bestreben, durch Bildung einen Beitrag zu mehr Teilhabe und Mitsprache, Verbesserung der Lebenssituation, Selbstvertrauen und Mut zur Forderung nach Gleichstellung für die heranwachsende Generation seines Volkes zu leisten, war per Gesetz die Grundlage entzogen worden.

Kampf gegen die Apartheid

Desmond Tutus Entscheidung, Priester zu werden, ist ohne Zweifel in hohem Maß auf das Vorbild Trevor Huddlestons und die Inspiration durch ihn zurückzuführen. Seine theologischen Studien nahm er 1958 am St. Peter’s Theological College in Johannesburg auf, das zu diesem Zeitpunkt von Huddleston geleitet wurde. 1960 erhielt er dort auch die Priesterweihe.[7] Huddlestons Vermittlung verdankte er auch ein Stipendium, das ihm erlaubte, seine theologischen Studien zwischen 1962 und 1966  am King’s College in London fortzusetzen und mit dem Grad eines Masters in Theologie abzuschließen. Diese Jahre in einer freien, demokratischen Gesellschaft, die keine Rassentrennung kannte, beeinflussten ihn für sein künftiges Engagement gegen die Apartheid stark. In London wurde er von Weißen auf gleicher Augenhöhe wahrgenommen, respektiert, als gleichwertiger Mensch wahrgenommen. Er erlebte zwar keine von Ressentiments freie Gesellschaft, jedoch das multiethnische Umfeld der Hauptstadt des Commonwealth, rechtliche Gleichstellung, Wertschätzung seiner Person ungeachtet seiner Hautfarbe. In diesen vier Jahren entwickelte Desmond Tutu seine Utopie einer „Regenbogennation Südafrika“, einer Nation, die von einem friedlichem Zusammenleben und von wechselseitigem Respekt der verschiedenen Ethnien geprägt ist.

Desmond Tutu lehrte nach seiner Rückkehr aus London am Federal Theological Seminary in Alice, einer Stadt in der östlichen Kap-Provinz. Für eine Überwindung der Apartheid mit friedlichen Mitteln und einen gewaltlosen Übergang zu einer freien, demokratischen, auf Gleichheit basierenden Gesellschaft setzte er sich auch ein, als er zwischen 1970 und 1972 Theologie-Vorlesungen an der University of Botswana, Lesotho und Swaziland hielt. Auf Grund seines Eintretens für Gewaltlosigkeit und vor dem Hintergrund seiner Verbindungen zur Anglikanischen Kirche in Europa war Desmond Tutu, der selbst nie Mitglied des ANC war und auch Gewalt von Gegnern der Apartheid verurteilte, für das Regime schwer angreifbar. Zunehmend wurde er zur „Stimme der Stimmlosen“[8] in Südafrika und neben dem inhaftierten ANC-Führer Nelson Mandela zur Symbolfigur im Kampf gegen die Rassentrennung. Die beiden Männer verband eine lange Freundschaft, Tutu hatte sich stets für die Freilassung Mandelas eingesetzt.[9].

1972 kehrte Desmond Tutu nach sechs Jahren in Südafrika nach London zurück und wirkte dort als stellvertretender Direktor am Theological Education Fund of the World Council of Churches. Es gelang ihm dadurch, den Kampf gegen die Rassentrennung in seiner Heimat auf eine internationale  Plattform zu heben. 1975 kehrte er erneut nach Südafrika zurück und übernahm als erster schwarzer Südafrikaner das Dekanat der St.-Mary’s Kathedrale in Johannesburg, 1978 übernahm er die Aufgabe des Generalsekretärs des Südafrikanischen Kirchenrates (SACC). In dieser Eigenschaft unternahm Desmond Tutu zahlreiche Auslandsreisen und setzte sich für internationalen wirtschaftlichen Boykott des Apartheidregimes ein.[10]

Friedensnobelpreis

„Ich hätte nicht den Friedensnobelpreis bekommen, wenn ich nicht
gegen jede Form der Gewalt wäre - gegen die Gewalt eines
Unterdrückerregimes wie auch gegen die Gewalt
der Leute, die ein solches System bekämpfen.“
[11]

Entscheidend für die internationale Resonanz von Desmond Tutus Engagements gegen die Rassentrennung war die Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis im Jahr 1984. Er nutzte die Gelegenheit und hielt anlässlich der Verleihung des Preises eine aufrüttelnde Rede, die vor der internationalen Öffentlichkeit den Alltag der Apartheid, der Unterdrückung und Gewalt offenlegte.[12] Gleichzeitig warnte er die Weltöffentlichkeit vor einer nicht mehr beherrschbaren Spirale der Gewalt und Rache, falls das Regime der Apartheid nicht beendet würde.

Desmond Tutus Vorträge im Ausland trugen maßgeblich dazu bei, auf internationaler Ebene ein kritischeres Bewusstsein über die Diskriminierung, Unterdrückung und Entrechtung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit durch den südafrikanischen Apartheid-Staat zu schaffen, der vor dem Hintergrund des Kalten Krieges lange Zeit von zahlreichen Staaten des Westens gestützt wurde.

Die Ablehnung jeglicher Gewalt von Seiten alle Konfliktparteien stärkte Desmond Tutus Position argumentativ zusehends und aufgrund der Verleihung des Friedensnobelpreises konnte auch der südafrikanische Staat den 1986 zum Erzbischof von Kapstadt (bis 1996) erhobenen Desmond Tutu nicht mehr ignorieren. Sein unbedingter Glaube an eine gewaltfreie Überwindung des Systems der Rassentrennung zog mehr und mehr weiße Südafrikaner-innen in den Bann und er wurde mehr und mehr zu einer Identifikationsfigur des Widerstands und zivilen Ungehorsams für die schwarze Bevölkerung.  

Als Staatspräsident Frederik Willem de Klerk (geb. 1936) am 1. Februar 1990, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Endes des Ost-West-Konfliktes, zunehmender internationaler Isolierung der südafrikanischen Regierung, wirtschaftlicher Schwierigkeiten sowie enormer Kosten einer Aufrechterhaltung der Unterdrückung der Bevölkerungsmehrheit, die Außerkraftsetzung der Apartheidgesetze ankündigte, war der 1964 zu lebenslanger Haft verurteilte ANC-Führer Nelson Mandela (1918-2013) bereits frei. Desmond Tutu, der stets für eine Aussöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen Südafrikas eingetreten war und als Grundvoraussetzung hierfür die Schaffung gleicher Lebensbedingungen für alle Südafrikaner_innen gefordert hatte, trägt, wie auch Nelsen Mandela, an einer weitgehend friedlichen Überwindung des Apartheidsystems wesentlichen Anteil. Gegen Ende seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises 1984 hatte er an die Weltöffentlichkeit appelliert: 

„Solange wir nicht eifrig daran arbeiten, dass alle Kinder Gottes, unsere Brüder und Schwestern, Mitglieder einer Menschenfamilie, grundlegende Menschenrechte genießen, das Recht auf ein erfülltes Leben, das Recht, sich frei bewegen zu dürfen, die Freiheit, Mensch zu sein in einer Menschheit, die nur an der Menschlichkeit Jesu Christi selbst gemessen wird, solange sind wir auf einem Weg, der unerbittlich zu unserer Selbstzerstörung führt, und so lange sind wir nicht weit entfernt von einem globalen Selbstmord. Und es könnte doch alles so anders sein.“[13]

Diese Worte bezogen sich nicht allein auf die südafrikanische Menschenrechtssituation der 1980er Jahre, sie sind und bleiben von übernationaler und überzeitlicher Bedeutung.

Wahrheits- und Versöhnungskommission

Nelson Mandela, Präsident Südafrikas von 1994 bis 1997, richtete 1996 eine Wahrheits- und Versöhnungskommission (South African Truth and Reconciliation Commission, SATRC) ein. Vorsitzender der Kommission, deren Ziel es war, Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen aus der Zeit der Apartheid aufzuarbeiten, wurde auf Veranlassung Nelson Mandelas Desmond Tutu. Die Kommission sollte dazu beitragen, die gespaltene Gesellschaft Südafrikas zu versöhnen. Wahrheitsfindung und Dialog sollten den friedlichen Übergang in eine demokratische, auf dem Grundsatz der Gleichheit basierenden Gesellschafsordnung absichern. Ein Orientierungspunkt war hierbei die chilenische Wahrheitskommission, die 1990 zur Aufklärung der Verbrechen der Diktatur Augusto Pinochets (1915-2006, Militärdiktatur von 1973-1990) eingesetzt worden war.

Angehörige von Opfern des Apartheidregimes sollten Gewissheit über das Schicksal der Ermordeten und Verschwundenen erhalten. Zusätzlich sollten Vorschläge für Maßnahmen erarbeitet werden, durch die Menschenrechtsverletzungen künftig verhindert werden könnten. Ausdrücklich unterschied die Kommission dabei nicht zwischen Verbrechen des Regimes und Gewalttaten, die von Mitgliedern des ANC im Widerstand gegen das Apartheidregime begangen wurden.

Nach fast drei Jahren Arbeit legte Desmond Tutu am 29. Oktober 1998 einen über 4500-seitigen Bericht vor, wovon allein 1000 Seiten die Namen von Opfern des Apartheidsystems umfassten. Die Kommission war kein Tribunal; sie sollte vielmehr eine möglichst umfassende und vollständige Dokumentation der Menschenrechtsverletzungen in Südafrika seit 1960 erarbeiten. Eine bedeutende, aber auch umstrittene Befugnis der Kommission war es, aufgrund einer vollständige und wahrheitsgemäßen Aussage Straffreiheit erlangen zu können. Eine Generalamnestie gab es indes nicht. Das Recht der Opfer und ihrer Angehörigen auf Wahrheit stand für Desmond Tutu, den Vorsitzenden der Kommission, im Vordergrund. Für ihn stand die Arbeit der Kommission unter dem Leitmotiv „Vergebung statt Vergeltung“. Ohne Zweifel hat die Wahrheits- und Versöhnungskommission auch vieles zu Tage gefördert, und einen wesentlichen Beitrag zu einem friedlichen Übergang in eine neue Gesellschaft geleistet. Der angestrebte Prozess der Versöhnung zwischen den ethnischen Gruppen in Südafrika ist jedoch bis heute längst nicht abgeschlossen und von Rückschlägen gekennzeichnet, da sich die ökonomische Situation der meisten schwarzen Südafrikaner_innen in den letzten beiden Jahrzehnten nur geringfügig verbessert hat. Entschädigungen für erlittenes Unrecht wurden zudem nur in geringem Umfang gezahlt und zahlreiche Amnestien sind Gegenstand der Kritik.[14]  

Es bleibt Desmond Tutus Verdienst, entscheidend dazu beigetragen zu haben, dass die südafrikanische Gesellschaft nach dem Ende der Apartheid nicht in Rache und Hass unterging. Entscheidend war hierbei sein unerschütterlicher Glaube an die Menschenrechte, an die Kraft des Verzeihens.

Die Apartheid ist überwunden, die rechtliche Gleichstellung der Ethnien verwirklicht. Die soziale und wirtschaftliche Kluft zwischen weißen und farbigen Südafrikanern ist nach wie vor groß, die Kriminalitätsrate hoch, die Wunden der Apartheid nicht geheilt, die Farben des Regenbogens sind für viele schwarze Südafrikaner verblasst.

Der ANC ist seit 1994, den ersten freien Wahlen in Südafrika für alle Ethnien, Regierungspartei, Nelson Mandela war bis 1999 erster schwarzer Präsident des Landes.

Nach 24 Regierungsjahren ist die heutige ANC-Führung grundlegender Kritik ausgesetzt. Einer ihrer schärfsten Kritiker ist Desmond Tutu. So griff er Thabo Mbeki (geb. 18. Juni 1942), Nachfolger Mandelas im Amt des Präsidenten (1999-2008) scharf an, als dieser äußerst zaghaft angesichts der von Diktator Mugabe (geb. 1924, Präsident von 1987-2017) zu verantwortenden Menschenrechtsverletzungen im Nachbarstaat Zimbabwe reagierte. Bereits 2004 hatte er der ANC-Regierung vorgeworfen, zu wenig für die Armen zu tun und seine wirtschaftspolitische Agenda an den Interessen einer kleinen schwarzen Elite auszurichten.[15]

Präsident Jacob Zuma (geb. 1942), der nach einer Interimsregierung Mbeki im Amt nachfolgte, trat 2018 unter Korruptionsverdacht und dem Vorwurf persönlicher Bereicherung zurück.

Dreimal im Zeitraum zwischen 2008 und 2013, so auch zu Desmond Tutus achtzigstem Geburtstag 2011, erteilte die ANC-Regierung dem Dalai-Lama keine Einreisegenehmigung. Nicht nur Desmond Tutu ging davon aus, dass die Regierung Zumas die Ausstellung des Visums aus Rücksicht auf das Verhältnis zu dem für die südafrikanische Wirtschaft äußerst wichtigen Handelspartner China verweigerte.[16]  Er sei beschämt, diesen Haufen von Speichelleckern seine Regierung nennen zu müssen, ließ sich Desmond Tutu vernehmen und ließ den ANC wissen, dass er sich nicht mehr von ihm repräsentiert sehe.[17] Er warnte, so wie man für das Ende des Apartheid-Regimes gebetet habe, so werde man auch für den Niedergang einer Regierung beten, die sich so rückgratlos verhalten.

Auch das Büro des Dalai-Lama fand deutliche Worte. Dieser bereise die Welt, um für Werte der Menschlichkeit, religiöse Eintracht, Frieden und Mitgefühl zu werben. Da die südafrikanische Regierung es offenbar für unpassend erachte, ihm ein Visum auszustellen, habe Seine Heiligkeit beschlossen, den Besuch in Südafrika abzusagen.

Desmond Tutus Einsatz für Menschenrechte, Gleichstellung und Gerechtigkeit gründet in tiefster Überzeugung. Er vertritt sie bedingungslos.      

Werke

Desmond Tutu, Versöhnung ist unteilbar. Interpretationen biblischer Texte zur schwarzen Theologie. Wuppertal 1977.

Ders., Crying in the wilderness. Grand Rapids 1982. 

Ders., Hope and suffering: sermons and speeches. Johannesburg u. a. 1983. 

Ders., „Gott segne Afrika.“ Texte und Predigten des Friedensnobelpreisträgers. Reinbek 1984.

Ders., The words of Desmond Tutu. Newmarket, New York City 1989. 

Ders., The rainbow people of God: the making of a peaceful revolution. New York 1994.

Ders., Worshipping church in Africa. Durham 1995.

Ders., The essential Desmond Tutu. Capetown 1997.

Ders., An African prayerbook, New York 2000. Deutsch: Meine afrikanischen Gebete. München 2005.

Ders., No future without forgiveness. New York 1999. Deutsch: Keine Zukunft ohne Versöhnung. Düsseldorf 2001.

Ders., God has a dream: a vision of hope for our time, New York 2004. Deutsch: Gott hat einen Traum: neue Hoffnung für unsere Zeit. München 2004.

Ders. und Mpho Tutu, Made for goodness – and why this makes all the difference. New York 2010. Deutsch: Der Mensch ist da, um gut zu sein. München 2010.

Ders., God is not a Christian. Speaking truth in times of crisis, London 2013. Deutsch: Gott ist kein Christ. Mein Engagement für Toleranz und Gerechtigkeit. Ostfildern 2012.

Ders., Mpho Tutu, The Book of forgiving: the four-fold path of healing for ourselves and our world. London 2014. Deutsch: Das Buch des Vergebens. Vier Schritte zu mehr Menschlichkeit. Berlin 2014.

Biographien und Sekundärliteratur

John Allen. Desmond Tutu: Rabble-Rouser for Peace: The Authorised Biography of Desmond Tutu. London 2006.

Shirley Du Boulay, Tutu: Voice of the Voiceless. London 1988.

Hans Brandt, „Der Traum von der Regenbogennation. Die Auseinandersetzung mit dem Erbe des Apartheidregimes in Südafrika“, in: Internationale Politik, Heft 1 (2010), S. 48-55.

Nancy L. Clark, William H. Worger, South Africa. The Rise and Fall of Apartheid (Seminar studies in history). Harlow 2004.

Saul Dubow, Apartheid, 1948–1994. Oxford 2014.

Jörg Fisch, Geschichte Südafrikas. München 1991.

Steven D. Gish, Desmond Tutu: A Biography.  Westport u. a. 2004.

Pumla Gobodo-Madikizela, Das Erbe der Apartheid. Trauma, Erinnerung, Versöhnung. Opladen 2006.

Denis Goldberg, Birgit Morgenrath, Der Auftrag. Ein Leben für die Freiheit in Südafrika. Berlin / Hamburg 2010.

Adrian Guelke, Rethinking the Rise and Fall of Apartheid. South Africa and World Politics. Basingstoke / New York 2005.

Martin Holland, The European Community and South Africa. European Political Co-operation under Strain. London / New York 1988.

Vera Kattermann, Kollektive Vergangenheitsbearbeitung in Südafrika. Ein psychoanalytischer Verständnisversuch der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Gießen 2007.

Stephan Kaußen, Von der Apartheid zur Demokratie. Die politische Transformation Südafrikas. Wiesbaden 2003.

Brian Lapping, Apartheid. A History. London 1986.

Albert Luthuli, Let My People Go. An Autobiography. London 1962.

Nelson Mandela, Der lange Weg zur Freiheit. Frankfurt/M. 1994.

Christoph Marx, Südafrika. Geschichte und Gegenwart. Stuttgart 2012.

Anthony Sampson, Mandela: The Authorised Biography. London 2011.

Hans-Georg Schleicher, Südafrikas neue Elite. Die Prägung der ANC-Führung durch das Exil (Hamburger Beiträge zur Afrika-Kunde 74). Hamburg 2004.

Claudius Wenzel, Südafrika-Politik der Bundesrepublik Deutschland 1982–1992. Politik gegen Apartheid?. Wiesbaden 1994.

Links

http://www.justice.gov.za/trc/
(Offizielle Webseite der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission)

https://www.sahistory.org.za/
(SAHO – South African History Online. Non-Profit Organisation)

http://www.politicsweb.co.za/home
(Politicsweb - Nachrichten und Hintergründe aus Südafrika)

http://www.apartheidmuseum.org/
(Homepage des Apartheidmuseums in Johannesburg)

http://scnc.ukzn.ac.za/
(Homepage des Gandhi-Luthuli Dokumentation Centre mit Links zu Archiven und Dokumentsammlungen)

https://www.nelsonmandela.org/
(Homepage der Nelson Mandela Stiftung)

http://www.tutufoundationuk.org/
(Homepage der britischen Tutu-Foundation)

http://www.tutufoundationusa.org/
(Homepage der us-amerikanischen Desmond Tutu Peace Foundation)

http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/279012/bericht-der-wahrheitskommission
(Bundeszentrale für politische Bildung zur Wahrheitskommission in Südafrika)

https://web.archive.org/web/20070213032334/http://www.nu.ac.za/ccs/default.asp?3,28,10,1763
(Rede Desmond Tutus vor der Nelson Mandela Foundation mit grundlegenden Kritik an der Politik der ANC-Regierung mit weiterführenden links zu Vorträgen Desmond Tutus)

Anmerkungen

[1] Vgl. Desmond Tutu/Mpho Tutu, Das Buch des Vergebens, Berlin 2014 S. 25 f.

[2] https://www.sahistory.org.za/people/father-trevor-huddleston

[3] Vgl. DER SPIEGEL, 37/1959 v.   09.09.1959, in: https://web.archive.org/web/20131202234126/http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=42622549&aref=image035/E0540/cqsp195937054-P2P-055.pdf&thumb=false.

[4] Vgl: https://www.sahistory.org.za/topic/isitwalandweseaparankwe-award; Isitwalandwe bedeutet in etwa „Der, der die Federn eines seltenen Vogels trägt“. Zwischen 1955 und 2004 wurde die Auszeichnung nur 19 mal an herausragende Kämpfer gegen das Apartheidregime verliehen.

[15] Vgl.: https://web.archive.org/web/20070213032334/http://www.nu.ac.za/ccs/default.asp?3,28,10,1763.

[16] Vgl. THE GUARDIAN v. 04.10.2011: https://web.archive.org/web/20170216155551/https://www.theguardian.com/world/2011/oct/04/dalai-lama-desmond-tutu-visa sowie https://www.iol.co.za/news/politics/tutu-breaks-silence-on-dalai-lama-visa-row-1758747.  

Dr. Christian Ritz

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