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Daten & Fakten

Lebensdaten
Familie
Werdegang (Schule, Ausbildung, Beruf)
Mitgliedschaften, Politisches Engagement
Rezeption, Literatur, Filme und andere Quellen
Widerstandskräfte
Das Recht, wofür sich die Person einsetzt

Einleitung

Das Schicksal Otto Kleppers, ehemaliger preussischer Finanzminister und Mitbegründer der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) ist exemplarisch, sowohl für den Kampf um die Verteidigung der Demokratie vor 1933, als auch für ihren Wiederaufbau nach dem Krieg. Die von Otto Klepper entwickelten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konzepte für ein Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg sind 1949 in die Gründung der F.A.Z. mit eingeflossen und haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.

Die Geschichte

Otto Klepper

Wahrhaftigkeit, Zivilcourage und Dienst für die Allgemeinheit

Persönlichkeit und Vita Otto Kleppers: ein in Deutschland seltener Politiker, bürgerlich, parteilos, mit Zivilcourage und der Fähigkeit, mit Leuten aller Couleur zu­sammenzuarbeiten, eine schwierige Persönlichkeit, an der sich die Geister schieden, ein Mann mit Weitblick, der die Gefahr des Nationalsozialismus schon vor 1933 klar erkannt und versucht hat, dagegen anzugehen, und der nach dem Krieg fest davon überzeugt war, dass die freiheitliche Demokratie sich schließlich als das überzeugen­dere Konzept gegen den Kommunismus durchsetzen würde.

1888 als Nachkomme hugenottischer Vorfahren und Sohn eines Oberlandes­gerichtsrats in Thüringen geboren, studierte er Staatswissenschaften und engagierte sich im Agrar- und Finanzwesen: Zunächst als Vorsitzender des Domänenpächter­verbandes und Gründer der Domänenbank, ab 1928 als Präsident der Preußischen Zentralgenossenschaftskasse, die er finanziell und personell sanierte. Durch die Rationalisierung des Genossenschaftswesens und die Reform des Agrarkreditwesens versuchte er eine Reform des ostelbischen Grundbesitzes durchzusetzen, um die demokratischen Kräfte der Weimarer Republik zu stärken. 

Als letzter preußischer Finanzminister im Kabinett von Otto Braun versuchte er die Unabhängigkeit Preußens zu erhalten und gegen den Staatsstreich Papens ohne Erfolg anzugehen. Da er die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten strikt ab­lehnte, musste er emigrieren und wurde von den Nationalsozialisten um die halbe Welt gejagt: Beginnend in Finnland, wo er im Frühjahr 1933 eine erste kritische Arti­kelserie über das Ende der Weimarer Republik und die Machtergreifung der Natio­nalsozialisten schrieb, wurde er im November Agrar- und Finanzberater in China, floh über USA und Mallorca nach Paris, wo er mit der beginnenden Volksfront zusam­menarbeitete, eine Widerstandspartei gegen die Nationalsozialisten, die Deutsche Freiheitspartei, gründete und mit Willi Münzenberg und anderen zusammen für die Zeitschrift Die Zukunftschrieb. 3 Monate vor Kriegsbeginn gründeten sie die Deutsch Französische Union, die nach dem Kriege weiterwirkte.

Sein ganzes Denken war auf ein befreites Deutschland nach dem Kriege ge­richtet, und so entwickelte er schon 1935 Konzepte für eine politische, wirtschaftliche und kulturelle Erneuerung Deutschlands. Diese Konzepte lagen seinen Artikeln in derZukunftund den beiden Grundsatzartikeln, die er von Mexiko aus für die Deutschen Blätter schrieb, zugrunde. 

Unter großen Schwierigkeiten und langen Wartezeiten als unerwünschter Emigrant im Frühsommer 1947 nach Deutschland zurückgekommen, kehrte er als parteiloser und unbequemer Querdenker nicht, wie die Franzosen erwartet hatten, in die Politik zurück, sondern gründete in Frankfurt zusammen mit Rudolf Mueller, ei­nem Rechtsanwalt, und Vertretern aus Wirtschaft, Politik, Handel und Kultur die Wirt­schaftspolitische Gesellschaft von 1947 (Wipog), die ihre Aufgabe darin sah, die Wirtschaft in die Verantwortung für das Gemeinwohl einzubinden, die Voraussetzun­gen für eine einheitliche Wirtschaftspolitik, die die Bedürfnisse der Landwirtschaft, der Industrie und des Handels mit einer entsprechenden Finanz- und Steuerpolitik zu koordinieren versteht, zu schaffen und im Sinne einer sozialen Marktwirtschaft die Beteiligung und Mitbestimmung der Arbeiterschaft zu fördern, weg vom nationalwirt­schaftlichen Denken hin zu einer Eingliederung in eine arbeitsteilige Weltwirtschaft. 

Um die liberal-demokratische, keiner Partei verpflichtete Konzeption der Wi­pogweiter zu verbreiten, wurde beschlossen eine Tageszeitung zu gründen und zwar zusammen mit der Mainzer Allgemeinen, bei der Erich Welter Redakteur war. So wurde die Gründung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die sich nicht als Fort­setzung der alten Frankfurter Zeitung, sondern als Neugründung verstand, durch die Wipog initiiert und durchgeführt, das heißt Klepper und Mueller brachten die für die Zei­tungsgründung wichtigen Leute, den Mainzer Zeitungsverleger, Ferdinand Rothe, die ersten Herausgeber: Erich Dombrowski als primus inter pares, Hans Baumgarten, Erich Welter, Paul Sethe und Karl Korn, und die Geldgeber, die alle Mitglieder der Wipogwaren, zusammen, führten die Verhandlungen auf allen drei Ebenen und schlossen die Verträge. So wurde die Wipog„alleinige Gesellschafterin der neu zu gründenden Verlags GmbH FAZ“ und Otto Klepper ihr erster Geschäftsführer.

Obwohl es 1950/51 aus verschiedenen Gründen - vor allem wegen unter­schiedlicher Auffassungen über die politische Linie der Zeitung - zum Bruch kam, lässt sich nachweisen, dass die FAZohne die Wipogund vor allem ohne Otto Klepper, der der Zeitung mit amerikanischen Geldern über eine entscheidende finanzielle Krise hinweghalf, in dieser Form nicht entstanden wäre.

Ein anderes Kapitel ist es, warum die FAZ die tatsächlichen Umstände ihrer Gründung verschweigt und nur auf „Freunde des Blattes“ von 1949 und die „FAZIT-Stiftung von 1959“ verweist und damit sog. ‚linke‘ Kritiker zu der ebenso falschen Be­hauptung provoziert, die FAZ sei eine Tochter der Deutschen Bank und damit von Joseph Hermann Abs. Im Gegensatz zu diesen schiefen und flachen Angaben ist die wirkliche Gründungsgeschichte der FAZ kompliziert und ein interessantes Dokument für die frühe Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik, für die Auseinandersetzun­gen über den angemessenen Umgang mit der ‚braunen‘ Vergangenheit sowie für das Ringen um den richtigen Weg in die Zukunft mit all den dazugehörigen wirtschaftli­chen, politischen und kulturellen Problemen. 

Kleppers Auffassung von Politik war elitär, im Sinne einer Verantwortungsethik, zugleich aber auch demokratisch. In der Methode war sie anspruchsvoll. Obwohl er die Notwendigkeit demagogischer Nutzung von Volksstimmungen durchaus kannte, stellte er an den Politiker hohe Anforderungen an Sachkenntnis, Vernunft und Ethos. Damit würden endlich die politischen Forderungen der Französischen Revolution gesellschaftlich, für alle wirksam, durchgesetzt und zwar weltweit, denn „die Erde ist so klein geworden, dass die Staatskunst Weltoffenheit erfordert". Auch in dieser Erkenntnis von der klein gewordenen Welt, die er lange vor der Wirksamkeit der Massenmedien, des Internet und neuer verkehrstechnischer Möglichkeiten gewonnen hatte, war Klepper seiner Zeit voraus.

Man könnte Klepper hoffnungslosen Idealismus und mangelnden Realitätssinn vorwerfen, aber das hieße seine Auffassung von Politik missverstehen. Es war ihm klar, dass wir „auf dem 'Planeten der Interessen'" leben und dass Kompromisse ständig neu gefunden werden müssen, aber es musste wenigstens eine gewisse Anzahl von Politikern und eine Vielzahl von Bürgern geben, die von gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein, also von dem von ihm verlangten Ethos geprägt waren, sonst würde Politik in einen reinen Machtkampf um Interessen ausarten und das Allgemeinwohl würde zerrieben zwischen Korruptionsaffären, parteiischer Interessenpolitik und resignierter Politikverdrossenheit, also genau dem, was er in der Endphase der Weimarer Republik miterlebt hatte und was er als Gefahr für jede Demokratie fürchtete, besonders dann, wenn diese noch wenig in breiten Schichten der Bevölkerung verankert war. „Es bedarf", so sagte er 1952, „der Bildung, um die Anlage des Gemeinschaftslebens aus der eigenen Erkenntnis selbst zu bestimmen. Es bedarf des Ethos, um das Bewusstsein von der Freiheit des Menschen in die Realität zu konkreter Verpflichtung zu übertragen."

Als Klepper dann zunehmend die Erfahrung machen musste, dass keiner dieses Engagement wirklich wollte, dass seine politischen Zielsetzungen nicht zu der Aufbaumentalität der frühen Nachkriegszeit passten, vereinsamte er. Da ihm das Gegengewicht eines glücklichen Familienlebens fehlte, das ihm doch einerseits so sehr am Herzen lag, das er aber auch andererseits gerade durch sein überdurchschnittliches politisches Engagement aufs Spiel gesetzt hatte und schließlich nicht zurückzugewinnen vermochte, verlor er sein inneres Gleichgewicht, und die Politik nahm in seinem Denken einen zu breiten Raum ein. 

Im Frühjahr 1957 besuchte ihn zu seiner ganz großen Freude seine Tochter Renate, damals lag er schon im Krankenhaus. Einsam ist er am 11. Mai 1957 in einer Berliner Klinik gestorben. Ein letzter Wunsch ist ihm erfüllt worden. Er wurde neben seiner ersten sehr geliebten Tochter Gisela, die schon mit sechs Jahren gestorben war und an die er sich sein Leben lang, und ganz besonders bei der Geburt seiner ersten Enkeltochter, erinnert hat, auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof an der Onkel-Tom-Straße begraben. Durch den Namen „Onkel Tom" war eine zufällige Verbindung zu dem Rest der Familie in Amerika geschaffen. Keiner von ihnen konnte an der Beerdigung am 15. Mai 1957 teilnehmen; dafür waren seine alten Freunde von der Preußenkasse und dem neuen Wipog-Team gekommen.

Für eine der vielen Würdigungen sei hier die Theodor W. Adornos zitiert, er sei mit seinem Freund Horkheimer zusammen tief beeindruckt „von jener Einheit konkretester Welterfahrung und geistiger Kraft" Kleppers, und es sei ihnen beiden „nur allzu sehr [...] bewusst, wie sehr es an Männern von der Art Otto Kleppers fehlt: hier wahrhaft ist von einem unersetzlichen Verlust zu reden."

Klepper gehörte zu einer Minderheit in der deutschen Gesellschaft: Er repräsentierte eine letzten Endes sehr kleine Schicht eines selbstbewussten Bürgertums, die einerseits die Demokratie und damit die Zusammenarbeit mit den aus der Arbeiterschicht stammenden demokratischen Politikern bejahte, andererseits jedoch selbstbewusst und politisch erfahren war, ohne Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der Obrigkeit, um die Republik notfalls auch gegen die Staatsgewalt zu verteidigen. Er hat versucht, selbst das vorzuleben, was er von einem Politiker forderte: Wahrhaftigkeit, Zivilcourage und Dienst für die Allgemeinheit.

 

Astrid von Pufendorf

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