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44hauptperson

Clara Kramer

"Du kriechst in das kleinste Loch, weil du überleben willst."

Clara Kramer

 

Daten & Fakten

Lebensdaten
Familie
Orte des Widerstands
Mitgliedschaften, Politisches Engagement
Rezeption, Literatur, Filme und andere Quellen
Widerstandskräfte
Das Recht, wofür sich die Person einsetzt

Einleitung

Als die SS 1942 in dem polnischen Städtchen Zolkiew die Juden zusammentreibt und ermordet, gerät auch die 15-jährige Clara in Lebensgefahr. In höchster Not graben drei Familien ein Versteck unter eines ihrer Häuser. Die deutschstämmigen Becks versprechen, in dem Haus über dem Versteck zu leben und die Familien zu versorgen. Clara, ihre Familie und zwei weitere als Juden verfolgte Familien verstecken sich unter dem Dielenboden, kaum eine handbreit entfernt von den lärmenden Nazis, die im Haus ein- und ausgehen. Vom ersten Tag an schreibt Clara ein Tagebuch und schildert dieses kaum vorstellbare Leben in einem Erdloch, das den Verfolgten übermenschliche Kräfte abverlangt.

Die Geschichte

Clara Kramer

Unerwartete Rettung


Clara Kramer wurde 1927 in Schowkwa geboren, das heute zur Ukraine gehört. Ihre Mutter Salka (mit dem Spitzname "die Kosakin") Schwarz, geborene Reizfeld,  war eine starke, hilfsbereite Frau. Claras Vater Meir Schwarz besaß eine kleine Fabrik und sorgte für den Lebensunterhalt der Familie. Clara hat noch eine kleinere Schwester, Mania. Die Familie ist Teil der recht großen jüdischen Gemeinde in Zolkiew und hat regen Kontak zu den anderen Gemeindemitgliedern.

1939 beginnen die Deutschen in Europa den Zweiten Weltkrieg und auch in Polen spricht sich schnell herum, wie die Nazis mit Juden umgehen. Nachdem die Rote Armee den Nazis nichts mehr entgegenzustellen hat, fällt auch das Städchen Zolkiew den Deutschen in die Hände. Zusammen mit ihrer kleinen Schwester Mania müssen sich Clara und ihre Eltern nun unsichtbar machen, um nicht auch von den Nazis in eines der Vernichtungslager deportiert zu werden.

In der gleichen Lage befinden sich auch die Familien Melman und Patrontasch, die ebenfalls zur jüdischen Gemeinde gehören. In höchster Not graben sie ein Versteck unter dem Haus der Melmans, welches das größte ist und hoffentlich Platz für alle drei Familien bietet. Herr Patrontasch ist ein hervorragender Zimmermann und sägt aus dem Parkettboden des Schlafzimmers eine Bodenluke. Wenn diese sich an Ort und Stelle befand, war es wie bei der Öffnung einer chinesischen Schachtel unmöglich, eine Naht zu finden. Da die Männer zu groß sind, um sich durch die Luke zu zwängen, werden die Kinder, also Clara und Mania, wie auch Igo Melman und Klarunia Patrontasch, die beide acht Jahre alt sind, millimeterweise durch den engen Raum vorwärts geschoben. Ihre Aufgabe bestand darin, einen Durchgang zum anderen Ende des Hauses zu graben, wo dann eine Grube gegraben werden konnte, in der alle Platz finden sollten. Als die Grabungsarbeiten beginnen, ist es Hochsommer. In dem Keller ist es heiß und es gib natürlich keine Lüftung. Die jüngeren drei Kinder graben in Unterwäsche, Clara ist aber schon fünfzehn Jahre alt und schamhaft. Es hilft nichts, auch sie muss ihr Kleid ausziehen. Zwei Wochen lang graben die Kinder mit bloßen Händen, dann mit Kochpfannen und Schaufeln. Im Licht der Petroleumlampen müssen sie um Sauerstoff ringen. Als das Kellerloch endlich fertig ist, sind die Kinder stolz und doch entsetzt. Das Loch hat eine Fläche von drei Quaratmetern und eine Höhe von anderthalb Metern. Nicht sehr viel, wenn man bedenkt, dass darin drei Familien leben sollten.

Am Ende dieses Sommers wird die politische Lage so ernst, dass sich die Familien entglültig mit dem Gedanken anfreunden müssen, in das Loch zu ziehen. Aber wer sollte sie in dem Keller versorgen? Mit Wasser, Nahrung und Informationen? Julia Beck, die Haushälterin von Claras Familie, und ihr Mann Valtentin, ein deutschstämmiger Pole, haben sich bereit erklärt, die drei Familien zu verstecken. Sie wollen in das Haus der Melmans ziehen und gehen das Risiko ein, die Verfogten zu verstecken.

Ausgerechnet die Becks! Herr Beck hatte einen so schlechten Ruf, er sollte ein Trinker sein, ein Schwerenöter, er verlor immer wieder seine Arbeitsstelle und schuldete so manchem Geld, das er nie zurückzahlte. Er meinte: "Ich wünsche mir ein Polen ohne Juden - aber nicht so. Ich muss was tun, wenn ich noch in den Spiegel sehen will." Die Eltern diskutieren die Konsequenzen, sich den Becks anzuvertrauen. Aber es gibt keine Alternative. Alle müssen sich vertrauen, eine andere Wahl gibt es nicht.

Im Winter 1942 war die Nacht gekommen, in der sie abtauchen mussten. Die Familien waren davon ausgegangen, der Krieg wäre in wenigen Wochen vorbei, dementsprechend wurden Wertgegenstände in kleinen Kellerbunkern versteckt und nur wenige Dinge mit ins Versteck genommen. Zumal jetzt nicht nur die drei Familien in dem Versteck leben sollten, sondern zusätzlich noch sieben andere Juden, die die Becks verstecken wollten. Letztentlich waren es neunzehn Menschen im Kellerversteck. Die Tatsache, dass sie sich alle getäuscht hatten und sie sehr viel länger in dem Versteck ausharren müssen, als gedacht, verbindet die Familien. Clara fängt auf Anraten ihrer Mutter an, ein Tagebuch zu schreiben. Während der ersten Wochen füllt sie die Ränder ihrer Bücher mit Einträgen. Keiner weiß zu dieser Zeit, wie wichtig vor allem für die Becks diese Tagebucheinträge noch sein werden. Sie schreibt alles auf: Verzweiflung, kleine Freuden, geflüsterte Gespräche mit ihrer jüngern Schwester Mania.

In der ersten Zeit im Keller müssen Regeln aufgestellt werden, die das Zusammenleben in dem Loch überhaupt ermöglichen. Die Luke vom Keller an das Tageslicht darf zum Beispiel ausschließlich von Hern Patrontasch geöffnet werden, da er der einzige ist, der es geräuschlos kann. Geschlafen wird in Schichten, da sonst zu wenig Platz ist. Mit der Zeit entwickelt sich eine Art Alltag im Keller. Die Becks versorgen sie mit gekochten Kartoffeln und Getränken, aber auch mit Nachrichten. Sie erfahren von Deportationen vieler Freunde in die Todeslager, was die Stimmung natürlich nicht besser macht. Und dann kommt dieser schreckliche Tag. Herr Beck klopft, draußen brennt es. Alle verkriechen sich im hintersten Winkel. Erst da merken sie, dass Mania nach draußen gelaufen ist. Zwei Tage lang hoffen sie auf ihre Rückkehr. "Aber zugleich, das muss ich zugeben, hatten wir Angst, dass sie gefangen und gefoltert wird, und uns verrät," sagte Clara später. In Wahrheit wurde ihre Schwester für zwei Kilo Zucker von einem Jungen verraten.

Dann geschieht noch etwas, mit dem niemand gerrechnet hat. Herr Beck und eine Frau aus dem Versteck haben eine Affäre und als Frau Beck davon Wind bekommt, gibt es einen fürchterlichen Ehekrach. Frau Beck und ihre Tochter verschwinden, so dass die Angst groß ist, dass sie nun von ihr verraten werden könnten. Auch mussten die Familien im Keller jetzt hungern, weil Frau Beck sie sonst immer mit Essen versorgt hat. Aber sie kommt zurück, nach drei Tagen, Gott sei Dank. Immer wieder hören die Menschen im Versteck über sich die deutschen Soldaten, die mit Herrn Beck trinken und feiern. Die Angst, entdeckt zu werden, ist riesig. Ständig marschieren neue Soldaten und Funktionäte im Haus ein und aus. Ein falsches Geräusch und sie wären dem Tode geweiht.

Im Sommer 1944 sind die Russen da - endlich Freiheit.

Aber Valentin Beck wird verhaftet, weil er für die Deutschen gearbeitet hat. Das ist der Zeitpunkt, sich für die Hilfe der Becks zu revanchieren. Clara nimmt ihr Tagebuch und geht damit zu den neuen Machthabern. "Ich sagte ihnen: Vielleicht verstehen Sie kein Polnisch, aber jemad kann Ihnen das übersetzten. Lesen Sie mein Tagebuch, dann wissen Sie, was diese Leute für uns auf sich genommen haben." Und tatsächlich, Valentin Beck  kommt daraufhin frei.

In der kleinen Stadt hatten von 5000 Juden nur sechzig das Regime des Nationalsozialismus überlebt. Nichts hält die Familie von Clara nun mehr in Schowkwa, 1946 brechen sie in Richtung Palästina auf. Bei dieser Reise durch Österreich nach Deutschland lernt Clara ihren späteren Ehemann Sol Kramer kennen. Sie tanzen miteinander und verlieben sich. Sol möchte eigenltich mit seiner Familie nach Amerika übersiedeln, bekommt aber von seinem Vater die Erlaubnis, mit Clara und ihrer Familie nach Palästina zu gehen. Sie heiraten und bekommen 1950 ihr erstes Kind, Philip. 1954 kommt Eli, der zweite Sohn, auf die Welt. Nach zehn Jahren in Israel beschließen die vier, zu Sols Familie nach Amerika zu ziehen. 1957 kommen die vier in Brooklyn an.

Wärend dieser Zeit starben die Becks in den 1950er Jahren, von Clara getrennt durch den Eisernen Vorhang. Aber sie hat bis heute Kontakt zu den Enkeln der Beck-Familie. Immer wieder besuchen sie sich, sogar das Kellerversteck konnte Clara ihrem Mann und den Kindern zeigen.

1982 beteiligt sich Clara Kramer an der Gründung des Holocaust Resource Centre, das in Zusammenarbeit mit der Kean University pro Jahr 1200 Lehrerinnen und Lehrern die Geschichte des Holocaust vermittelt und sie im Abbau von Vorurteilen und Umgang mit der NS-Vergangenheit schult.

Clara Kramer hat ihr Leben der Aufgabe gewidmet, über den Holocaust zu sprechen und erzählen, wie sie von Leuten gerettet wurde, von denen es niemand erwartet hätte. Sie schildert, dass jede und jeder, der menschlich handelt, zu einem solchen Retter werden kann, und pocht darauf, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder geschehen darf. Zu ihrer Zuhörerschaft gehören Rektoren verschiedener Universitäten, Politikerinnen und Politiker, Lehrerinenn und Lehrer, auch viele Studierende, doch am liebsten spricht sie zu Kindern. Heute ist Clara Karmer 91 Jahre alt. Sie vermisst ihre kleine Schwester noch immer und wird die Zeit nie vergessen, die sie so sehr geprägt hat.

Das Tagebuch, das Clara während der Zeit im Kellerversteck geschrieben hat, befindet sich im Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. und kann auch im Internet gesichtet werden.


Links

https://collections.ushmm.org/search/?utf8=%E2%9C%93&f%5Blanguage_facet%5D%5B%5D=German&q=clara+kramer&search_field=all_fields https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn77708#?c=0&m=0&s=0&cv=0&xywh=-828%2C0%2C3137%2C1999 https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn504655

Antonia Samm

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