Sie sind hier: Home // Person // 2019-09-08-14-13-18
41hauptperson
17 Ehrendoktortitel

Rigoberta Menchú

"Die indigenen Kulturen und die Kulturen Europas hätten ohne die Zerstörung, die Ausbeutung, die Diskriminierung und das Elend, (…) sicherlich eine Verbindung mit größten und wertvollsten Errungenschaften für die Menschheit gehabt."

Rigoberta Menchú

 

Daten & Fakten

Lebensdaten
Familie
Orte des Widerstands
Werdegang (Schule, Ausbildung, Beruf)
Mitgliedschaften, Politisches Engagement
Rezeption, Literatur, Filme und andere Quellen
Das Recht, wofür sich die Person einsetzt

Einleitung

Rigoberta Menchú setzt sich für Organisation und Vernetzung des Widerstandes indigener Campesinos im Kampf um das Land der Maya gegen Großgrundbesitzer ein. In der Endphase des guatemaltekischen Bürgerkrieges setzte sie sich mit allen ihren Kräften für Versöhnung und Frieden ein.

Die Geschichte

„Kein Museumsstück aus einer anderen Zeit, sondern lebendiger Teil der guatemaltekischen Gesellschaft”

Übermittlerin indigenen Lebens und Kämpferin für Versöhnung in Guatemala

Die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú  

Als Rigoberta Menchú am 9. Januar 1959 in Chimel einem Maya-Dorf im Nord-Osten Guatemalas geboren wurde, stand das mittelamerikanische Land an der Schwelle zu einem Bürgerkrieg, der sich zu einer der längsten und gewalttätigsten Auseinandersetzungen Lateinamerikas entwickeln sollte.

Die Konfliktlinien waren nicht neu. Die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Spanien 1821 hatte für die indigene Bevölkerungsmehrheit keine Verbesserung der Lebensverhältnisse gebracht. Waren die Maya Guatemalas zunächst von den Konquistadoren des fruchtbaren Bodens und damit ihrer Lebensgrundlage beraubt worden, befanden sie sich nun weiterhin in wirtschaftlicher Abhängigkeit: Das Land war in Besitz weniger Familien europäischer Abkunft und zunehmend auch US-amerikanischen Investoren, so unter anderem der United Fruit Company. Die indigene Bevölkerung bearbeitete das ehedem eigene Land zu menschenunwürdigen Bedingungen in Abhängigkeit der Großgrundbesitzer. Obgleich sie die Bevölkerungsmehrheit stellten, blieb ihnen jedwede politische, kulturelle und soziale Teilhabe verwehrt.

Die europäischen Eroberer hatten frühzeitig damit begonnen, kulturelle, vor allem schriftliche Zeugnisse der Mayakultur zu zerstören und die indigene Bevölkerung unter dem Vorzeichen der Missionierung ihrer Identität, ihrer Schrift und Sprache und damit ihrer kulturellen Wurzeln beraubt. Die etwa 20 verschiedenen Mayasprachen wurden verboten, die neue Amtssprache Spanisch lernten die wenigsten Maya, die Analphabetenrate vor allem bei Indigenen aus den ländlichen Gebieten ist auch heute noch erschreckend hoch.

1954 beendete ein Militärputsch mit Unterstützung US-amerikanischer Geheimdienste eine kurze Phase einer Reformpolitik, in deren Rahmen auch der Versuch einer umfassenden Landreform zu Gunsten der besitzlosen Mayabevölkerung unternommen worden war. Die aus dem Putsch hervorgegangene Militärdiktatur, die das Land für über 30 Jahre beherrschen sollte, griff umgehend zu äußerst repressiven Maßnahmen gegen Reformgruppierungen und jede Opposition. Die Politik der Unterdrückung wurde durch eine vermeintliche kommunistische Bedrohung gerechtfertigt. Einige oppositionelle Gruppen bewaffneten sich und gingen in den Untergrund. Der nun folgende Bürgerkrieg forderte zwischen 150.000 und 250.000 Todesopfer, die meisten von ihnen Maya. Das Regime verfolgte hierbei vor allem in den 1980er Jahren eine Politik planmäßigen Massenmords. Mehr als 100.000 Menschen flohen in die Nachbarländer.

Rigoberta Menchú war ein Jahr alt, als der Bürgerkrieg begann. Dieser sollte in den folgenden 36 Jahren ihr Leben prägen.

Kindheit und erste Erfahrungen von Unrecht

Sie wuchs als sechstes von zehn Kindern in bitterer Armut auf, die Erträge der kargen Felder im Hochland Guatemalas reichten nicht zum Leben. Die Familie musste sich wie viele andere Indios mehrere Monate im Jahr auf den Kaffee-Fincas an der Küste verdingen. Bereits als Fünfjährige pflückte Rigoberta Kaffeekirschen auf den Plantagen für äußerst bescheidenen Lohn, als Achtjährige bekam sie etwa 25 Cent für ein Kilo geernteten Kaffees. Welch geringer Wert dem Leben eines indigenen Tagelöhners aus Sicht der Kaffeebarone beigemessen wurde, veranschaulicht der Umstand, dass die ungeschützten Arbeiter die Ernte während des Einsatzes von Sprühflugzeugen fortsetzen mussten. Ein Bruder Rigobertas starb bei einer solchen Sprühaktion. Auch ihren jüngsten Bruder verlor sie während eines solchen Ernteeinsatzes. Der Zweijährige starb an Unterernährung, der Plantagenbesitzers unterblieb jede Hilfeleistung. „Aus purer Freundlichkeit oder Mitleid gab uns jemand einen Pappkoffer. Wir legten mein Brüderchen hinein und begruben es. Dadurch verloren wir einen Tag bei der Arbeit. Abends kam der Aufseher und sagte: „Morgen früh verschwindet ihr hier. Ihr habt den ganzen Tag nicht gearbeitet und deshalb bekommt ihr auch keinen Lohn. Seitdem hatte ich, „wie soll ich sagen” einen Zorn auf das Leben, hatte Angst vor dem Leben.”[1]  Die Maya, die sich aus allen Landesteilen zur Ernte auf den Fincas einfanden, konnten sich untereinander kaum organisieren. Die unterschiedlichen Sprachen der Maya erschwerten die Kommunikation, niemand sprach Spanisch, keiner der Indios konnte lesen oder schreiben. Lebensmittel mussten bei den Plantagenbesitzern zu überhöhten Preisen bezogen werden, Übernachtung und Anreise mussten separat bezahlt werden. Als die Familie nach Monaten ins Hochland zurückkehrte, um die eigenen Felder zu bestellen war vom kargen Lohn regelmäßig kaum etwas übrig.

Zum Vater, Vicente Menchú, der sich für Agrarreform, sozialen Ausgleich und politische Partizipation der indigenen Bevölkerung einsetzte und alsbald ins Visier des Regimes geriet, hatte sie ein sehr enges Verhältnis. Das Verhältnis zur Mutter, Juana Menchú, scheint distanzierter gewesen zu sein. Von ihr lernte sie jedoch, dass sie als Frau nicht auf ihre traditionelle Rolle beschränken muss, die Gegebenheiten indigener Kultur sowie politischer und gesamtgesellschaftlicher Rahmenbedingungen in Bürgerkrieg und Diktatur durchaus Spielräume für Eigenständigkeit gewähren. Sie sah am Beispiel ihrer Mutter, dass eine Frau sich auch gegen ihren Ehemann behaupten kann. Sie hatte „alle Freiheit, zu gehen, wohin sie wollte”, so Rigoberta über ihre Mutter, die als Hebamme und Kräuterheilkundige von Dorf zu Dorf zog, um zusätzliches Geld für die Familie zu verdienen. (08.01) Sie sah, dass ihre Mutter Tag und Nacht arbeitete, ohne je einen Tag zu bereuen, sie sah jedoch auch, dass dennoch nie genug zum Leben für die Familie da war. Sie wollte für sich ein anderes Leben, nicht zuletzt, um ihrer Familie helfen zu können. Im Alter von 12 Jahren beschloss sie, lernen zu wollen. Der Vater allerdings misstraute Schulen, er fürchtete, Bildung könne sie ihrem Volk entfremden, sie latinisieren: „Wer lesen und schreiben kann, entfernt sich von den übrigen und fühlt sich anders.” Er warf ihr vor, sie wolle ihre Gemeinsamkeiten vergessen. Wenn sie das Dorf verlasse, könne sie keine Hilfe mehr von ihm erwarten.[2]

Dennoch verließ sie dreizehnjährig das Dorf, um als Dienstmädchen in der Hauptstadt zu arbeiten. Ihr Wunsch zu lernen, erfüllte sich jedoch auf diese Weise nicht. Außer den spanischen Beschimpfungen, mit denen sie belegt wurde, lernte sie kaum ein Wort der Sprache der Latinos. Der Hund ihres Patrons bekam bessere Nahrung als sie, der Lohn für zwei Monate wurde ihr für ein paar Schuhe abgezogen, die sie im Haus zu tragen hatte. Es waren die ersten Schuhe, die sie besaß. Lediglich andeutungsweise erfährt der Leser ihrer Autobiographie, dass von ihr erwartet wurde, die Söhne des Hauses mit sexuellen Praktiken vertraut zu machen.[3]

Kampf um das Land

Im Frühjahr 1973 erreichte sie die Nachricht, dass ihr Vater verhaftet worden sei. Als Dorfältester hatte er nicht zugelassen, dass sich die weißen Plantagenbesitzer das mühsam urbar gemachte Land der Dorfgemeinschaft aneigneten. Die vermeintliche Besitzurkunde, die die Indios, weder des Spanischen, noch des Lesens kundig, unterzeichnet hatten, war eine Abtretungserklärung gewesen. Auf diese verweisend, versuchten die Patrones, die Dorfgemeinschaft mit Militärunterstützung zu vertreiben.                  

Einen heroischen Kampf habe der Vater zweiundzwanzig Jahre lang gegen die Patrones geführt, so Rigoberta Menchú in ihrer Autobiographie. Bestechungsgeld für die Behörden, die ohnehin mit den Großgrundbesitzern im Bunde standen, hatten sie nicht, Anwälte, die mannigfache Versprechungen machten, bereicherten sich an dem wenigen, das sie hatten. Söldner der Patrones versuchten sie aus ihrem Dorf zu vertreiben, plünderten ihre Häuser.

Diese Aktionen folgten einem wiederkehrenden Muster. Die Maya machten Land urbar, sobald es Erträge abwarf, beanspruchten es die Weißen. Sie kamen mit Landvermessern, behaupteten, Eigentümer des Landes zu sein und die Indios für dessen Erschließung bezahlt zu haben. Die Präsenz von Privatarmeen unterstrich ihre Forderungen, unter dem Vorwurf, die kommunistische Guerilla zu unterstützen, konnten die Großgrundgrundbesitzer auch auf Polizei und Militär zurückgreifen. All diese Usurpierungen ursprünglich indigenen Landes durch die weißen Patrones erfolgten in Kooperation mit dem Militär im Schatten des eskalierenden Bürgerkrieges, in dem die Mayadörfer als Rückzugsraum der Guerilla betrachtet und Indios zunehmend unter dem Generalverdacht kommunistischer Subversion standen.   

Vicente Menchú wandte sich in seiner Verzweiflung an die Gewerkschaft, Grund genug für die Patrones, ihn verhaften zu lassen. Er gefährde die Freiheit des Landes, so der Vorwurf. Vierzehn Monate sitzt er im Gefängnis, Rigobertas Familie sowie die gesamte Dorfgemeinschaft sparten jeden Centavo für die Bestechungssumme, die notwendig war, ihn frei zu bekommen. Die Haft konnte seinen Widerstandsgeist allerdings nicht brechen. „Auch das Gefängnis frisst keine Menschen. Das Gefängnis ist eine Strafe für die Armen, aber es frisst die Menschen nicht auf. Also gehe ich wieder nach Hause und kämpfe weiter.”[4] Während seiner Haft erkannte Vicente Menchú, dass die Indios nur gemeinsam, über Dorf- und Sprachgrenzen hinweg, in der Lage seien, ihre Interessen durchzusetzen. Er beschloss, eine überregionale Organisation der Campesinos zu gründen. Nach seiner Freilassung reiste er quer durch Guatemala, warb für seine Idee und gründete 1978 zusammen mit anderen Campesinos das „Komitee für Bauerneinheit” (Comité Unidad Campesina).[5]

Verluste

Bei einer dieser Fahrten wurde Vicente Menchú entführt, Rigobertas Bruder, der ihn begleitet hatte, konnte entkommen. Die Entführer verletzten ihn schwer, unter anderem brachen sie ihm beide Beine. Die Dorfgemeinschaft fand den Verletzten am Wegesrand. Die Ärzte in den Krankhaus der nächstgelegenen Stadt, im Sold der Patrones, weigerten sich, ihn zu behandeln. Erst nach stundenlanger Irrfahrt wurde er in einem weiter entfernten Krankenhaus aufgenommen. Die Verletzungen waren gravierend. Obwohl die Ärzte davon ausgingen, dass ein stationärer Aufenthalt von neun Monaten nötig sei, um ihn wenigstens halbwegs wiederherzustellen, holte ihn die Familie bereits nach sechs Monaten aus der Obhut der Ärzte, da neue Entführungsdrohungen eingegangen waren. Seine Sicherheit konnte im Hospital nicht länger gewährleistet werden. Er wurde weitere fünf Monate versteckt gehalten, bis er nach Hause zurückkehrte. Er setzte seinen Widerstand fort.

Rigoberta begleitete ihren Vater fortan auf seinen Fahrten zu Gewerkschaftsführern und anderen Indiodörfern, die sich gegen die Großgrundbesitzer zur Wehr setzten. Diese Reisen veränderten ihre Perspektive, sie erkannte, in welchem Ausmaß die Bedrohung durch Bürgerkrieg und Landraub indigene Gemeinschaften im ganzen Land betraf. Zudem fand sie Zugang zu Priestern sowie freiwilligen Helfern aus Europa und konnte sich ihren Traum erfüllen, Spanisch zu lernen. Sie setzte sich auch mit der Bibel, sah den Widerspruch zwischen christlichen Werten und dem Verhalten der katholischen Ladinos. Zum Vorbild erkor sie sich die alttestamentarische Judith, die sich zur Rettung ihres Volkes durch List das Vertrauen des Feldherren Holofernes erwirbt um ihn zu ermorden. Sie erkannte, dass die Amtskirche auf Seiten der Machthaber stand, sie sah allerdings auch, dass sich ein Teil der Kirche zunehmend distanzierte und schließlich mit befreiungstheologischen Ansätzen eine oppositionelle Haltung einnahm. Zu Vertretern der Befreiungstheologie baute sie bereits früh ihre Beziehungen aus. Sie sah ihre Aufgabe in der Organisation ihres zergliederten Volkes.

Die Aktivitäten des Vaters zur Vernetzung der vereinzelten Indiogemeinschaften riefen Plantagenbesitzer und Diktatur erneut auf den Plan. Als Vicente Menchú ein weiteres Mal verhaftet wurde, hatte er allerdings bereits Gewerkschaft, die Organisation der Campesinos und Teile der Priesterschaft hinter sich. Das Regime, das Rigobertas Vater nun unter der Kategorie kommunistischer Subversion als politischen Gefangenen betrachtete, sah sich unter dem Eindruck zunehmender Proteste gezwungen, ihn nach zwei Wochen freizulassen. Sie drohten ihm aber, seine Familie zu töten, falls er seine politische Arbeit nicht einstelle. Vicente Menchú ging 1977 in den Untergrund, während die damals achtzehnjährige Rigoberta das politische Netzwerk erweiterte. Noch im selben Jahr fiel ihr Bruder, gerade 16 Jahre alt, in die Hände der Militärs. Sie folterten ihn, zur Abschreckung wurde er öffentlich hingerichtet. Vor den Augen Rigobertas und ihrer Mutter wurde er mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Rigoberta beschloss, ihren Kampf nicht mit der Waffe zu führen, verstand ihre jüngere Schwester jedoch nur zu gut, die sich nun den Guerillas anschloss.

Mit der Machtübernahme durch General Romeo Lucas Garcia verschärfte sich der Repressionskurs des Regimes weiter, Massaker häuften sich, Todeslisten tauchten auf, Soldaten begannen systematisch, Indiodörfer auszulöschen und die Bewohner zu ermorden.

Angehörige der von Vicente Menchú mitgegründeten Campesino-Organisation und andere Gruppen beschlossen, die spanische Botschaft in der Hauptstadt zu besetzen, um die internationale Gemeinschaft auf den Terror und den Massenmord aufmerksam zu machen. Das Militär stürmte das besetzte Gebäude am 31. Januar 1980, warf Brandsätze und wartete, bis alle Besetzer verbrannt waren. 37 Menschen kamen ums Leben, unter ihnen Rigobertas Vater. Der spanische Botschafter konnte sich nur mit knapper Not retten. Die spanische Regierung brach die diplomatischen Beziehungen zu Guatemala ab, der Konflikt war ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit gerückt. Der Tod des Vorbildes und Vaters muss Rigoberta hart getroffen, aber auch in ihrem Entschluss bestärkt zu haben, weiterhin für die Freiheit ihres Volkes zu kämpfen. Drei Monate später verliert sie auch die Mutter auf äußerst grausame Weise. Am 19. April wird sie auf dem Rückweg ins Dorf verhaftet, von Offizieren vergewaltigt. Sie ließen sie halb verhungern, nur um sie mit Injektionen wiederherzustellen und sie erneut zu vergewaltigen. Nachdem sie endlich gestorben war, urinierten Soldaten auf die Tote Die geschändete Leiche wurde vier Monate von Armeeangehörigen bewacht, um ein Begräbnis und eine Totenfeier zu verhindern, der in indigenen Kulturen zentrale Bedeutung beikommt. Rigoberta berichtet, über einen langen Zeitraum sei jede Empfindung in ihr blockiert gewesen. Die Trauer sollte sich erst sehr viel später Bahn brechen.  

Exil

Zu Beginn der 1980er Jahre intensivierte das Militär die Politik der „verbrannten Erde” und erreichte unter der Verantwortung Präsident Efraim Rios Montts (1982-1983) ihren grausamen Höhepunkt. Da man die indigenen Dörfer als Rückzugsraum und Rekrutierungsreservoir der Rebellen betrachtete, ging das Regime dazu über, die indigene Bevölkerung systematisch zu vernichten. Über 100.000 Menschen fielen allein in den beiden Jahren der Präsidentschaft Montts den Genozidaktionen des Militärs und paramilitärischen Einheiten zum Opfer.[6]

Rigoberta konnte 1981 den Militärs mehrfach nur knapp entkommen und nach Mexiko fliehen. Das Exil sollte dreizehn Jahre dauern. In diesen Jahren arbeitete sie in verschiedenen Gremien der Vereinten Nationen, engagierte sich als Mitbegründerin in der „Vereinigten Vertretung der guatemaltekischen Opposition” und begann, ihre Autobiographie zu schreiben. 1982 trat sie in der traditionellen Tracht ihres Volkes erstmalig vor die UN-Menschenrechtskommission und konfrontierte die Weltöffentlichkeit mit den ungeheuerlichen Vorgängen ihres Heimatlandes.

1985 fanden in Folge internationalen Drucks erstmals nach knapp drei Jahrzehnten wieder Wahlen in Guatemala statt. Zwar übernahm nun eine Zivilregierung die höchste Regierungsmacht, der Bürgerkrieg war damit jedoch nicht zu Ende. Die Genozidaktionen wurden indes gestoppt, das Militär blieb jedoch ein zentraler Machtfaktor im Land und versuchte im Verbund mit Besitzenden und autoritären gesellschaftlichen Kräften, Friedensverhandlungen mit der Guerilla zu konterkarieren. Menschenrechtsgruppierungen wurden mit Gewalt daran gehindert, Zeugnis von den Grausamkeiten des nunmehr zwanzig Jahre dauernden Krieges vor der nationalen und internationalen Öffentlichkeit abzulegen. Dennoch leitete die Zivilregierung informelle Gespräche mit den Guerilleros ein, aus denen später offizielle Friedensverhandlungen hervorgehen sollten.

Trotz der Gefahren für ihre Sicherheit reiste Rigoberta in den 1980er Jahren mehrfach nach Guatemala, um an diesen inoffiziellen Gesprächen teilzunehmen. Auf Grund ihrer Spanischkenntnisse und der Vertrautheit mit der indigenen Kultur kam ihr hierbei eine Mittlerrolle von einigem Gewicht zu. Dieses nutzte sie ausschließlich, um Verständigung und Aussöhnung zwischen Regierung und Guerilla voranzutreiben. Für dieses Engagement wurde sie 1992 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.[7] Mit gerade einmal 33 Jahren ist Rigoberta Menchú jüngste Trägerin des Preises.

Als Frau, Katholikin, Verfechterin der Befreiungstheologie, tief verwurzelt in der Welt der Maya, als Campesina, des Spanischen und mehrerer Mayasprachen mächtig, ist sie Kämpferin des Wortes für ein Volk, dem man bereits 500 Jahre zuvor begonnen hatte, das Wort, die Sprache und damit Kultur und Identität zu nehmen. Trotz Hass, Trauer und Wut angesichts menschlicher Verluste nutzte sie die mühsam im Selbststudium erlernte Sprache der Unterdrücker für ihren Einsatz für Frieden und Verständigung. Während ihres Exils reiste sie viel. Sie vermittelte weltweit indianisches Denken, die Kultur der Maya, sie machte aber auch auf das Schicksal ihres Volkes aufmerksam. Zwischen den Konfliktparteien ihres Heimatlandes trat sie als sprachliche und kulturelle Mittlerin auf und folgte hierbei dem Gedanken der Versöhnung. Eine systematische strafrechtliche Aufarbeitung der Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen fand allerdings bis heute nicht statt.

Ihre Autobiographie, mit der sie weltberühmt wurde, die Schilderung ihres Lebens ist die Erzählung des Lebens der Indigenen, das, bis dahin unartikuliert, für Nicht-Indios kaum greifbar war. Ihre Lebensbeschreibung wurde somit auch zu einem Medium für Indigene, auch jenseits der Grenzen Guatemalas. Durch die Einfachheit des Ausdrucks, die einfache, schonungslos beschreibende, nicht wertende Sprache schafft ein eindrucksvolles Zeugnis indigener Kultur, ohne deren Geheimnisse preiszugeben.  

In ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo verwahrte sich Rigoberta Menchú entschieden gegen das Bild, das in der europäischen Öffentlichkeit von ihr vermittelt wurde. Sie sei eben nicht die tapfere Indianerfrau mit einem harten Schicksal und einer hohen Moral. Sie nahm Europa in die Verantwortung, indem sie von 500 Jahren des Völkermordes, von Verfolgung und Unterdrückung sprach. Im Übrigen sei Amerika nicht vor knapp 500 Jahren entdeckt worden, Amerika habe sich zu diesem Zeitpunkt längst selbst entdeckt gehabt.[8]

Die Nobelpreisträgerin wurde von der indigenen Bevölkerung Guatemalas gefeiert, Regierung und Militär hingegen zeigten sich der Auszeichnung gegenüber reserviert.[9] Das Preisgeld in Höhe von circa einer Million Euro kam einer von Rigoberta gegründeten Stiftung zugute, die ihr Engagement nach wie vor auf politische und soziale Partizipation der Indigenen und auf ihre Bildung richtet.[10]

Trotz aller menschlicher Verluste findet sich bei Rigoberta Menchú keine Spur von Verbitterung. Sie könne verzeihen, wenn es in ihrem Land politische Veränderungen gebe, „damit nie mehr eine Mutter gefoltert, ein Vater verbrannt und ein Bruder erschossen wird.”[11]

Foto: Rigoberta Menchú

Rede Rigoberta Menchús anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo 1992 

Ehrenwehrte Herren des Friedensnobelpreiskomitees,
Eure Majestäten Königin und König von Norwegen,
Eure Exzellenz Frau Premierministerin,
Mitglieder des Diplomatischen Corps. Sehr geehrte guatemaltekische Landsleute,
meine Damen und Herren.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises 1992 hat mich tief bewegt und mit Stolz erfüllt. Persönliche Gefühle und Stolz auf die tausendjährige Kultur meines Vaterlandes, auf die Werte der Gemeinschaft des Volkes, dem ich angehöre, auf die Liebe zu meiner Erde, zur Mutter Natur. Wer diese Beziehungen versteht, achtet das Leben und den Kampf, der für diese Werte geführt wird.

Ich betrachte diesen Preis nicht nur als eine persönliche Auszeichnung, sondern als eine der großen Errungenschaften im Kampf für den Frieden, für die Menschenrechte und für die Rechte der indigenen Völker, die im Laufe von 500 Jahren entzweit wurden und unter dem Völkermord, der Unterdrückung und Diskriminierung zu leiden hatten.

Erlauben sie mir, Ihnen all das mitzuteilen, was dieser Preis für mich bedeutet.

Ich bin der Meinung, daß uns der Nobelpreis zusammenruft, um im Sinne seiner weltweiten Bedeutung tätig zu werden.

Dieser Nobelpreis stellt ein weithin sichtbares Zeichen dar, um auch weiterhin die Menschenrechtsverletzungen offenzulegen, die gegen die Völker in Guatemala, in Amerika und auf der ganzen Welt begangen werden. Er spielt eine positive Rolle bei der dringend zu lösenden Aufgabe, in meinem Land einen Frieden in sozialer Gerechtigkeit zu erringen.

Der Preis stellt ohne jeden Zweifel ein Zeichen der Hoffnung für die Kämpfe der indigenen Völker des gesamten Kontinentes dar. Er ist auch eine Ehrung für die Völker Mittelamerikas, die noch immer auf der Suche nach innerer Stabilität sind, nach der Gestaltung ihrer Zukunft und dem Weg ihrer Entwicklung und Integration, auf der Grundlage einer zivilen Demokratie und der gegenseitigen Achtung.

Die Bedeutung dieses Preises zeigen auch die Glückwunschbotschaften, die von allen Seiten kamen, aus allen Teilen der Welt. Paradoxerweise war es gerade in meinem Land, in dem ich die größten Einwände, viele Vorbehalte und Gleichgültigkeit gegenüber der Verleihung des Nobelpreises an diese Quiche-India fand. Vielleicht weil es Guatemala ist, wo sich die Diskriminierung gegenüber den Indigenas, gegenüber den Frauen und sich der Widerstand gegen die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und nach Frieden in gewissen politischen und sozialen Kreisen zu Hause fühlen.

Einerseits mit tiefem Schmerz, aber andererseits mit Genugtuung gebe ich ihnen bekannt, daß der Friedensnobelpreis vorübergehend, in Erwartung des Friedens in Guatemala, in Mexico verbleiben muß. weil es in meinem Land keine politischen Bedingungen für ihn gibt. Die Freude und die Dankbarkeit stammen aus der Tatsache, daß Mexico, unser brüderliches Nachbarland, das so viel Anteilnahme und Kraft aufgebracht hat in den Verhandlungen, die zur Erlangung des Friedens geführt wurden und das die guatemaltekischen Flüchtlinge und Exilierten beschützt, uns einen Platz im Museum des Großen Tempels (der Wiege der tausendjährigen Erinnerung der Azteken) bewilligt hat. Dort kann der Nobelpreis verweilen, bis Bedingungen des Friedens und der Sicherheit in Guatemala geschaffen worden sind, um ihn dann in Guatemala unterzubringen, der Erde des Quetzals. Um all das zu werten, was die Verleihung des Nobelpreises bedeutet, möchte ich einige Worte in Vertretung jener sagen, deren Worte nicht gehört werden oder die nicht in der Lage sind, ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen, den Marginalisierten, den Diskriminierten, jenen, die in Armut leben müssen, im Elend, als Opfer der Unterdrückung und der Verletzung der Menschenrechte. Die Menschen haben jedoch durch die Jahrhunderte hindurch widerstanden und sie haben weder das Bewußtsein noch die Entschlossenheit noch die Hoffnung verloren.

Erlauben Sie mir, meine Damen und Herren, einige Worte über mein Land und die Maya-Kultur zu sagen. Die Mayavölker entwickelten sich, geographisch gesehen, in einer Ausdehnung von 300 000 km2. Sie bewohnten Gebiete in Südmexico, Belice, Guatemala und El Salvador und entwickelten eine sehr hohe Kultur auf den Gebieten der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Organisation.

Die Mayas entdeckten die mathematische Kategorie NULL, fast zur gleichen Zeit, da sie in Indien entdeckt wurde und danach zu den Arabern gelangte. Die auf mathematischen Berechnungen und wissenschaftlichen Beobachtungen basierenden astronomischen Vorhersagen sind noch heute erstaunlich. Sie entwickelten einen genaueren Kalender als es der gregorianische ist und auf dem Gebiet der Medizin praktizierten sie z.B. auch chirurgische Schädeloperationen.

Heute ist es bedeutend, den tiefen Respekt der Maya-Kultur gegenüber dem Leben und der Natur im Allgemeinen hervorzuheben.

Wer könnte voraussagen, welche anderen großen wissenschaftlichen Errungenschaften und welchen Stand der Entwicklung diese Völker erreicht hätten, wenn sie nicht durch Blut und Feuer erobert worden wären, Opfer eines Völkermordes, der in 500 Jahren 50 Millionen Menschen betraf.

Die Jubelfeiern der Organisationen der Indigenas des gesamten Kontinentes und die weltweiten Glückwünsche anläßlich der Verleihung des Friedensnobelpreises, bringen klar und deutlich die Wichtigkeit dieser Entscheidung zum Ausdruck. Das ist die Anerkennung der Schuld Europas gegenüber den indigenen Völkern Amerikas. Es ist ein Appell an das Bewußtsein der Menschheit, daß sie die Bedingungen der Ausgrenzung der Indigenas und der Ausbeutung der Nicht-Indigenas beseitigt. Und es ist auch ein Schrei für das Leben, den Frieden, die Gerechtigkeit, die Gleichheit und Brüderlichkeit zwischen menschlichen Wesen.
Die Besonderheit der Visionen der indigenen Völker äußert sich in den Formen ihrer Beziehungen. Dies sind erstens Beziehungen gemeinschaftlicher Art zwischen menschlichen Wesen, und zweitens die Verbindung zur Erde. Die Erde ist unsere Mutter, sie gab uns das Leben und ist nicht nur eine Ware. Drittens gibt es eine enge Beziehung zur Natur, denn wir sind Teil von ihr und nicht ihre Besitzer.

Die Mutter Erde ist für uns nicht nur eine wirtschaftliche Quelle, die uns den Mais spendet, der unser Leben ist, sondern schenkt so viele Sachen, welche von den Privilegierten von heute eifrig erstrebt werden. Die Erde ist Wurzel und Quelle unserer Kultur. Sie bewahrt unsere Erinnerung, sie bettet unsere Vorfahren. Die Erde fordert für so vieles auch von uns, daß wir sie ehren und ihr mit Zärtlichkeit und Achtung die Wohltat angedeihen lassen, die sie uns angedeihen läßt. Wir müssen die Mutter Erde pflegen und beschützen, damit unsere Kinder und Enkel weiterhin ihre Wohltaten nutzen können. Wenn die Welt jetzt nicht lernt, die Natur zu achten, welche Zukunft werden die neuen Generationen haben?

Von diesen grundlegenden Wesenszügen leiten sich das Verhalten, die Rechte und Pflichten auf dem amerikanischen Kontinent ab, sowohl für die Indigenas als auch für die Nicht-Indigenas, seien sie Mestizen, Schwarze, Weiße oder Asiaten. Alle Gemeinschaften haben die Pflicht, sich gegenseitig zu achten, voneinander zu lernen und ihre geistigen und materiellen Errungenschaften gemäß ihren eigenen Bedürfnissen zu teilen. Die Indigenas hatten niemals und haben bis heute nicht den Platz, der dem Fortschritt und Gewinn aus Wissenschaft und Technik entspricht, obwohl sie eine deren bedeutender Grundlagen gewesen sind.

Die indigenen Kulturen und die Kulturen Europas hätten ohne die Zerstörung, die Ausbeutung, die Diskriminierung und das Elend, […], sicherlich eine Verbindung mit größten und wertvollsten Errungenschaften für die Menschheit gehabt.

Wir sollen nicht vergessen, daß mächtige Kulturen blühten, als die Europäer nach Amerika kamen. Wir können nicht von einer Entdeckung Amerikas sprechen, weil nur das entdeckt wird, was nicht bekannt ist oder das, was sich verborgen hält. Aber Amerika und seine Kulturen hatten sich selbst entdeckt, lange vor dem Fall des Römischen Weltreiches und dem europäischen Mittelalter. Das durch seine Kulturen Geschaffene, ist Teil des Menschheitserbes und setzt durch seine Studien weiterhin in Erstaunen.

Ich denke, daß es notwendig ist, daß die indigenen Völker, deren Angehörige ich bin, ihre Wissenschaft und ihre Kenntnisse zur Entwicklung der Menschen beisteuern, weil wir eine ungeheure Kraft für diese Entwicklung besitzen. Wir müssen unser tausendjähriges Erbe mit dem Fortschritt Europas und anderer Gebiete der Welt verbinden.

Wir Indigenas sind bereit, die Tradition mit der Modernität zu verbinden, aber nicht um jeden Preis. Wir werden nicht zulassen, daß wir die Bewacher von ”Völkerkundetourismus -Projekten” im internationalen Maßstab werden.

In einem Moment des weltweiten Echos anläßlich der Gedenkfeiern zur Fünfhundertjahrfeier der Ankunft von Christoph Columbus auf amerikanischer Erde sind wir indigenen Völker erneut aufgerufen, vor der Welt unsere Existenz und den Wert unserer kulturellen Identität zu bekunden. Das erfordert von uns zu kämpfen, um aktiv an der Bestimmung unseres Schicksals, am Bau unserer Nationen teilzunehmen. Wenn wir keine Beachtung finden, dann gibt es Wege, die unsere Zukunft sichern: der Kampf und der Widerstand; die geistigen Reserven; die Entscheidung, unsere Traditionen aufrecht zu erhalten, erprobt durch viele Schwierigkeiten, Hindernisse und Leiden; die Solidarität mit unseren Kämpfen von Seiten vieler Länder, Regierungen, Organisationen und Bewohnern der Erde.

Der heutige Tag der 47. Sitzungsperiode der Generalversammlung der Organisation der Vereinten Nationen eröffnet 1993 als das Internationale Jahr der Indiovölker. …

Wir erwarten, daß die Ausformulierung des Entwurfs der Erklärung über die Rechte der indigenen Völker den bestehenden Widerspruch zwischen den Fortschritten im internationalen Recht und der schwierigen Wirklichkeit, in der wir amerikanischen Indios leben, untersucht und ergründet.

Es wird ein Jahr für unsere Völker geben, dass den sie quälenden Problemen gewidmet ist. Deshalb werden sie sich vorbereiten, um Aktionen in vernünftigsten Formen und mit gültiger und gerechter Argumentation durchzuführen, um den Rassismus, die Unterdrückung, die Diskriminierung und die Ausbeutung zu beseitigen, die uns in Elend und im Vergessen versinken lassen. Für die Verdammten dieser Erde stellt die Zuerkennung des Nobelpreises auch eine Anerkennung, einen Anreiz und ein Ziel dar.

Ich wünsche mir, daß sich unter allen Völkern ein bewußter Sinn für den Frieden und ein Gefühl menschlicher Solidarität entwickelt, damit im nächsten Jahrtausend neue respektvolle und gerechte Beziehungen entstehen können, die von Brüderlichkeit und nicht von blutigen Auseinandersetzungen geprägt sind.

Meine Damen und Herren, einige offene Worte über mein Land. Die Aufmerksamkeit, die sich durch die Verleihung des Friedensnobelpreises auf Guatemala konzentriert, muß es möglich machen, daß auf internationaler Ebene die Nichtbeachtung der Menschenrechtsverletzungen aufhört und das all jene geehrt werden, die kämpfend für die soziale Gleichheit und die Gerechtigkeit in meinem Land starben.

Die Welt weiß, daß es dem guatemaltekischen Volk gelang, im Oktober 1944 eine demokratische Phase zu erkämpfen, deren wesentliche Philosophie die Menschenrechte waren. Guatemala war während dieser Epoche auf dem amerikanischen Kontinent eine Ausnahme in seinem Kampf zur Erlangung der vollen nationalen Souveränität. Aber eine Verschwörung im Jahre 1954, die die traditionellen Zentren der nationalen Macht, die Erben der Kolonialzeit mit mächtigen ausländischen Interessen vereinte, zerstörte das demokratische System durch eine bewaffnete Intervention und zwang von neuem das alte Regime auf, das Regime der Unterdrückung, das die Geschichte meines Landes kennzeichnet.

Die politische, ökonomische und soziale Abhängigkeit, die sich als Produkt des Kalten Krieges herleiten läßt, gab den Ursprung für den bewaffneten inneren Konflikt. Die Unterdrückung der Volksorganisationen, der demokratischen Parteien, der Intellektuellen begann in Guatemala lange bevor der Krieg begonnen wurde. Wir vergessen es nicht.

Mit der Absicht, die Rebellion zu ersticken, begingen die Diktaturen die größten Grausamkeiten. Sie machten Dörfer dem Erdboden gleich, sie ermordeten Zehntausende von Bauern, hauptsächlich Indigenas, Hunderte von Gewerkschaftern und Studenten, zahlreiche Journalisten, die darüber informierten, bekannte Intellektuelle und Politiker, Priester und Nonnen. Durch das Mittel der systematischen Vertreibung, gemäß der Sicherheitsdoktrin des Staates, fand die Vertreibung von einer Million Bauern satt. 100 000 wurden zu Flüchtlingen in Nachbarländern. In Guatemala gibt es fast 100.000 Waisen und mehr als 40.000 Witwen. In Guatemala wurde die Praxis der politischen Verschwundenen zur Staatspolitik.

Wie sie wissen, bin ich selbst die Überlebende einer massakrierten Familie. … Die Veränderungen in der Welt zwingen und treiben die Militärs, eine politische Öffnung zu erlauben, die in der Ausarbeitung einer Verfassung, einer Erweiterung des politischen Spielraumes und der Übertragung der Regierung an zivile Sektoren besteht. Seit acht Jahren ertragen wir dieses neue Regime, in dem sich bedeutende Räume für die Volksschichten und die Mittelschicht eröffnet haben.

Dessen ungeachtet hält in den offenen Räumen die Repression und die Verletzung der Menschenrechte an, inmitten einer sich verschärfenden ökonomischen Krise, die zu einem solchen Punkt geführt hat, daß 84% der Bevölkerung als arm gelten und ungefähr 60% als sehr arm. Die Straflosigkeit und der Schrecken dauern an. Sie verhindern die freie Meinungsäußerung des Volkes über seine Bedürfnisse und das Lebensnotwendige. Der bewaffnete innere Konflikt dauert an.

Das politische Leben in meinem Land suchte in der letzten Zeit nach einer politischen Lösung der gesamtgesellschaftlichen Krise und des bewaffneten Konfliktes, mit dem Guatemala seit 1962 lebt. Dieser Prozeß hat seinen Ursprung in der in Oslo unterzeichneten Übereinkunft zwischen der Nationalen Kommision der Versöhnung mit dem Mandat der Regierung und der URNG (Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca), als einem notwendigen Schritt, um den Geist der Übereinkunft von Esquipulas nach Guatemala zu bringen.

Der Verhandlungsprozeß sucht Übereinkünfte für die Errichtung der Grundlagen einer wirklichen Demokratie und für die Beendigung des Krieges.

Der Dialog und die politischen Verhandlungen sind ohne Zweifel geeignet, um die Probleme zu lösen und so gültige und konkrete Antworten anzubieten, die Bedürfnisse und die Lebensgrundlagen sowie die Demokratisierung unseres guatemaltekischen Volkes betreffend. Wenn die verschiedenen sozialen Gruppen der guatemaltekischen Gesellschaft ihre natürliche Verschiedenheit akzeptieren, ist eine Lösung der Probleme möglich, welche die Ursache für den Krieg in Guatemala sind. Davon bin ich überzeugt. Genauso wie die zivilen Bereiche der guatemaltekischen Gesellschaft muß auch die internationale Gemeinschaft fordern, daß die Verhandlungen zwischen der Regierung und der URNG die gegenwärtige Etappe der Diskussion um die Menschenrechte abschließen, um so schnell wie möglich zu einem von den Vereinten Nationen beglaubigten Vertrag zu gelangen. Es ist notwendig, hier in Oslo hervorzuheben, daß die Einhaltung der Menschenrechte in Guatemala eine umgehend zu lösende Aufgabe ist.

Der Aufbau demokratischer Verhältnisse in Guatemala ist notwendig. Es ist erforderlich, daß die Menschenrechte in ihrer gesamten Skala verwirklicht werden: der Rassismus muß beendet und die Organisations- und Bewegungsfreiheit aller öffentlichen Bereiche der Bevölkerung muß gewährleistet werden. Letzten Endes ist es unumgänglich, eine multikulturelle Gesellschaft mit allen ihren Rechten zu gestalten, das Land zu entmilitarisieren und die Basis seiner Entwicklung zu schaffen, die Rückständigkeit und das Elend, in welchem wir gegenwärtig leben, zu beenden.

Eine der bittersten Erfahrungen eines hohen Prozentsatzes der Bevölkerung ist die gewaltsame Vertreibung. Die Bevölkerung sieht sich durch die Militärkräfte und die Verfolgung gezwungen, ihre Dörfer zu verlassen, ihre Mutter Erde, die Ruhestätte der Vorfahren, ihre gewohnte Umgebung, die Natur, die das Leben gab und das Lebensgebiet ihrer Gemeinschaften, die ein zusammenhängendes System der sozialen Organisation und der funktionierenden Demokratie bilden.

Fundamentale Bedeutung kommt einer Neuverteilung des Grundbesitzes in der neuen guatemaltekischen Gesellschaft zu, damit die landwirtschaftlichen Fähigkeiten entwickelt werden können und das geraubte Gemeindeland an seine rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben wird. Dabei darf nicht versäumt werden, diesen Prozeß der Neuorganisierung mit dem größtmöglichen Respekt gegenüber der Natur durchzuführen, um diese zu beschützen und ihr die Kraft und die Fähigkeit, Leben zu spenden, zurückzugeben.

Nicht weniger kennzeichnend für eine Demokratie ist soziale Gerechtigkeit. Sie erfordert die Beseitigung der erschreckenden Zahlen der Kindersterblichkeit, der Unterernährung, des Mangels an Bildung, des Analphabetismus, der Hungerlöhne. Diese Probleme quälen zunehmend und schmerzhaft die guatemaltekische Bevölkerung, die perspektivlos und ohne Hoffnung ist.

Einer der Wesenszüge, die eine moderne Gesellschaft charakterisieren, ist die Rolle der Frau. Die Emanzipation der Frau ist in noch keinem Land der Welt verwirklicht. Die historische Entwicklung Guatemalas belegt die Notwendigkeit und die Unumkehrbarkeit der aktiven Mitwirkung der Frau bei der Gestaltung der neuen sozialen Ordnung des Landes und ich denke, daß die indigenen Frauen ein Beispiel dafür sind. Dieser Friedensnobelpreis ist eine Anerkennung all derer, die stets die am meisten Ausgebeuteten waren und es im größten Teil der Welt immer noch sind. Die Frauen sind die am stärksten Diskriminierten und die am meisten Marginalisierten und trotzdem die Schöpferinnen des geistigen Lebens, des Ausdrucks und des Reichtums. Die Demokratie, die Entwicklung und die Modernisierung eines Landes werden ohne die Lösung dieser Probleme zusammenhanglos und unmöglich gemacht.

Ebenso wichtig ist in Guatemala die Aufklärung über die Identität und die Rechte der indigenen Völker, die nicht nur während der Kolonialzeit ignoriert und verachtet worden sind, sondern auch während der republikanischen Ära. Man kann nicht ein demokratisches, freies und souveränes Guatemala konzipieren, ohne daß die indigene Identität, die alle Aspekte der nationalen Existenz prägt, Gestalt annimmt.

Ich rufe alle sozialen und ethnischen Schichten auf, sich zusammenzusetzen, um aktiv an der Suche nach einer friedlichen Lösung im bewaffneten Konflikt teilzunehmen, beim Schmieden einer festen Einheit zwischen den Völkern der Ladinos, der Schwarzen und der Indigenas, die in ihrer Verschiedenheit die guatemaltekische Nation bilden müssen.

In diesem Sinne lade ich die internationale Gemeinschaft ein, mit konkreten Aktionen beizutragen, daß die Parteien ihre Differenzen überwinden, die derzeit die Verhandlungen in einer Abwartehaltung verharren lassen, damit zuerst ein Vertrag über die Menschenrechte unterzeichnet wird und dann die Verhandlungsrunden wiederaufgenommen werden. Man muß Kompromißpunkte finden, die es ermöglichen, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen und diesen unmittelbar zu kontrollieren. Dann habe ich nicht den geringsten Zweifel, daß dies eine substantielle Verbesserung der bestehenden Verhältnisse Guatemalas mit sich bringt. Meiner Meinung nach könnte eine direktere Teilnahme der Vereinten Nationen, deren Rolle bisher mehr die einer Beobachterin war, wesentlich beim Übergangsprozeß helfen.

Meine Damen und Herren, die Tatsache, die mich hauptsächlich über Amerika und im besonderen über mein Land hat referieren lassen, bedeutet nicht, daß die Lebenssituation anderer Völker dieser Erde in ihrem unablässigen Kampf um den Frieden, das Recht auf Leben und alle ihre unveräußerlichen Rechte, keinen bedeutenden Platz in meinem Geist und in meinem Herzen einnehmen. Die Verschiedenheit, in der wir uns am heutigen Tage hier versammelt haben, ist ein Beispiel dafür und in diesem Sinne möchte ich ihnen meinen Dank aussprechen.

Viel hat sich in diesen Jahren gewandelt. Große weltweite Veränderungen haben stattgefunden. Die Konfrontation zwischen Ost und West hat aufgehört zu existieren und der Kalte Krieg ist beendet. Diese Umwandlungen, deren Auswirkungen sich nicht voraussagen lassen, haben eine Leere hinterlassen, die die Völker der Erde genutzt haben, um aufzutauchen, um Räume im internationalen Maßstab zu erkämpfen und internationale Anerkennung zu erlangen.

Wir kämpfen heute für eine bessere Welt, für eine Welt ohne Elend, ohne Rassismus, mit Frieden im Nahen Osten und im Südwesten Asiens, wohin ich mein Gebet richte für die Befreiung von Frau Aung San Suu Kyi, der Friedensnobelpreisträgerin von 1991. Wir kämpfen für eine gerechte und friedliche Lösung auf dem Balkan, für die Einhaltung des Friedensvertrages in El Salvador, für das Ende der Apartheid in Südafrika; die Stabilisierung in Nicaragua, die Wiederherstellung der Demokratie auf Haiti, für die volle Souveränität Panamas.

In unserem Geist bewahren wir die schmerzhaftesten Klagen der gesamten Menschheit, wenn wir das friedliche Zusammenleben und die Bewahrung der Natur verteidigen. Der Kampf, den wir kämpfen, wird die Zukunft auf die Probe stellen und formen.

Unsere Geschichte ist lebendig, pulsierend, widerstehend und sie hat die Jahrhunderte der Opfer überlebt. Eine Geschichte, die mit Nachdruck aufersteht. Die Samen, die während so langer Zeit schlummerten, keimen heute mit Gewißheit, obwohl sie sich in einer durch Ungenauigkeit und von Verwirrung gekennzeichneten Welt entwickeln.

Ohne Zweifel wird es ein komplexer und langandauernder Prozeß sein, aber er ist keine Utopie und wir Indigenas haben jetzt Vertrauen in seine Verwirklichung, vor allem da wir uns nach Frieden sehnen. Wir unternehmen Anstrengungen, damit man die Menschenrechte in allen Teilen der Erde, wo sie verletzt werden, respektiert und wir setzen unsere Verpflichtung mit Eifer und Vehemenz in die Tat um, indem wir uns dem Rassismus widersetzen.

Das guatemaltekische Volk engagiert sich und ist sich seiner Stärke bewußt, um eine würdige Zukunft zu gestalten. Es bereitet sich darauf vor, die Zukunft zu schaffen, sich von Atavismen zu befreien und sich selbst neu zu entdecken, um ein Land mit einer authentischen nationalen Identität aufzubauen, um zu beginnen zu leben.

Um alle ladinischen, schwarzen und indigenen Nuancen des guatemaltekischen Mosaikes zusammenzufügen, müssen wir, ohne in Widerspruch zu geraten, eine Vielzahl von Farben verflechten, ohne dass sie grotesk und antagonistisch sind, ihnen Glanz geben und eine höhere Qualität, so wie sie unsere Künstler weben können“, einen genialen hupil, eine Gabe an die Menschheit.

Vielen Dank.[12]

Literatur

Arturo Arias, David Stoll, The Rigoberta Menchú controversy. Minneapolis u. a. 2001.

Elisabeth D. Burgos, Rigoberta Menchú, Rigoberta Menchú. Leben in Guatemala. Bornheim-Merten 1984.

Trudy Govier, Victims and victimhood. Peterborough 2015.

Laura Charlotte Kempen, Mariama Bã¢, Rigoberta Menchú and pstcolonial feminism. New York u.a. 2001.

Charlotte Kerner, Madame Curie und ihre Schwestern: Frauen. Die den Nobelpreis bekamen. Weinheim 1997.

Angelika U. Reutter, Frauen leben für den Frieden: Die Friedensnobelpreisträgerinnen von Bertha von Suttner bis Schirin Ebadi. München u.a. 2004.

Rigoberta Menchú, Die Klage der Erde: Der Kampf der Campesinos in Guatemala. Göttingen 1993.

Dies., International Year of Indigenous Peoples. Washington D.C. 1993.

Dies., Herby Sachs, Ojalá: Guatemalas Flüchtlinge kehren zurück. Grafenau 1993.

Christiane Rimbaud, Femmes d'espoir: Leur combat pour les droits de l'homme. Paris u.a. 2008.

Maren Rößler, Ringen um Vielfalt in der Einheit: Rigoberta Menchú und das „movimento” maya in Guatemala. Leipzig 2004.

David Stoll, Rigoberta Menchú and the story of all poor Guatemalans, Boulder u.a. 1999.

Marc Zimmerman, Litrature and resistance in Guatemala: textual modes and cultural politics from El Seã±or Presidente to Rigoberta Menchu. Athens (Ohio). 2 Bde. 1995.

Anmerkungen

[1] Rigoberta Menchú, I, Rigoberta Menchú. An Indian Woman in Guatemala. London u. a. 2010 (Erstausg. 1983); deutschsprachige Ausgabe: Elisabeth Burgos, Rigoberta Menchú. Leben in Guatemala. Bornheim-Merten 1984, S. auch https://www.thenation.com/article/it-was-heaven-they-burned/; vgl.: http://palabranueva.net/pn-old/index.php?option=com_content&view=article&id=365:yo-rigoberta-menchu-inovela-o-testimonio&catid=129:dossier-20-anos-de-palabra-nueva&Itemid=158 

[2] Burgos, Rigoberta Menchú. S. 89.

[3] Ebd., S. 96,

[4] Ebd., S. 114.

[5] Die Organisation besteht noch. Sie engagiert sich unter anderem für ethnische Gleichstellung und Alphabetisierung der Landbevölkerung. Weitere Informationen: http://www.cuc.org.gt/web25/index.php?option=com_content&view=article&id=5&Itemid=103.

[6] Vgl. die Zahlen des Abschlussberichts der CEH, Guatemala, Memory of Silence, Report of the Commission for Historical Clarification. Conclusions and Recommendations, S. 85. https://www.aaas.org/sites/default/files/migrate/uploads/mos_en.pdf

[7] Ab 1986 war sie Mitglied des Rates der UNO für die Rechte der Indios, ab 1987 begleitete sie den „Nationalen Dialog”, mit dem das Ende des Bürgerkrieges erreicht werden sollte. 1990 wurde sie mit dem Preis der „United Nations Educational Scientific and Cultural Organization” (UNESCO) für „Erziehung zum Frieden” ausgezeichnet. 1992 erhielt sie als 33-Jährige den Friedensnobelpreis.

[8] Ein Rückblick: https://www.nobelprize.org/events/nobel-peace-prize-forum/

[9] Vgl. http://www.excelsior.com.mx/global/2017/10/22/1196352

[10] http://www.freiwilligenweb.at/de/einsatzstelle/fundacion-rigoberta-menchu-tum-frmt-stiftung-der-nobelpreistr%C3%A4gerin-rigoberta-menchu

[11] http://welt-der-indianer.blogspot.de/2007/06/rigoberta-mench-die-friedliche-kmpferin.html

[12] Die Rede zit. n. http://www.quetzal-leipzig.de/lateinamerika/guatemala/rede-von-rigoberta-menchu-tum-anlaslich-der-verleihung-des-friedensnobelpreise-1992-19093.html

Dr. Christian Ritz

Galerie

389