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Prof. Dr.

Franco Basaglia

"In diesem Sinn war unsere Sache nicht nur ein medizinischer Feldzug, sondern ein Kampf für die Menschenrechte."

Franco Basaglia

 

"Wie kaum ein anderer steht er für den Kampf für die Vermenschlichung der Psychiatrie, das heißt, für ihre Auflösung."

Wolfgang Jantzen

Daten & Fakten

Lebensdaten
Familie
Orte des Widerstands
Werdegang (Schule, Ausbildung, Beruf)
Mitgliedschaften, Politisches Engagement
Rezeption, Literatur, Filme und andere Quellen
Widerstandskräfte
Das Recht, wofür sich die Person einsetzt

Einleitung

Stimme der Ausgeschlossenen

Der Psychiater Franco Basaglia kämpfte gegen die menschenunwürdigen Zustände in italienischen „Irrenanstalten“. Er leistete Zeit seines Lebens Widerstand gegen eine ausgrenzende Gesellschaft und versuchte, den Menschen in den Anstalten ihre Stimme und ihre Würde zurückzugeben.

Die Geschichte

Franco Basaglia im Kampf um des Menschen Rechte

„In diesem Sinn war unsere Sache nicht nur ein medizinischer Feldzug,
sondern ein Kampf für die Menschenrechte.”


Vorwort

In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche kämpfte der Psychiater Franco Basaglia (1924-1980) gegen die menschenunwürdigen Verhältnisse in italienischen "Irrenanstalten" - wie Psychiatrien damals genannt wurden. In diesen Anstalten, die Basaglia als die „Gulags des Westens” bezeichnete, gehörten Gewalt und grausame Folter zum Klinikalltag. Zehntausende Menschen wurden von der Gesellschaft ausgeschlossen und in die Irrenanstalten eingeschlossen. In Übereinstimmung mit den geltenden Gesetzen wurden sie ihrer Freiheit und ihrer Persönlichkeitsrechte beraubt. Für Basaglia, den die verheerenden Zustände an seine Gefangenschaft im Faschismus erinnerten, eine unhaltbare Situation. Er sah für sich als Psychiater nur zwei Möglichkeiten: Entweder mitmachen und sich schuldig machen oder Nein sagen und versuchen, etwas zu verändern. Nach dem Motto „Freiheit heilt!” entschloss er sich für Letzteres. Trotz massiver Vorbehalte und Anfeindungen konnte er gemeinsam mit seinem Team den Beweis liefern, dass eine Schließung dieser riesigen Anstalten möglich war. Als charismatischer Vorreiter trat er unermüdlich dafür ein, den Entmündigten ihre Stimme und Würde zurückzugeben. Sein Widerstand richtete sich jedoch nicht nur gegen die Anstalten an sich, sondern insbesondere auch gegen eine ausgrenzende Gesellschaft. Am 16. Mai 1978 nach langen Reformbemühungen trat schließlich das „Gesetz Nr. 180” in Kraft, das als „Basaglias Gesetz” in die Geschichte einging. Das Gesetz sah die Schließung aller Irrenanstalten in Italien vor.

bild 2 benito mussolini 1937Frühe Kindheit in Venedig

Franco Basaglia wurde am 11. März 1924 als zweites von drei Kindern in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Er wuchs im ruhigen Stadtteil San Polo in Venedig auf. Sein Vater führte ein erfolgreiches Unternehmen. Die Familie verhielt sich loyal zum faschistischen Staat unter der Führung von Benito Mussolini, der am 30. Oktober 1922 zum Ministerpräsidenten ernannt worden war.

Widerstand gegen den Faschismus, Gefangenschaft und Befreiung

Franco Basaglia rebellierte früh und wurde Teil der antifaschistischen Bewegung. Politisch beeinflusst wurde er in besonderer Weise von Agostino Zanon dal Bo, seinem Lehrer am Gymnasium. Dieser beteiligte sich aktiv am Aufbau der antifaschistischen „Partito d'Azione” (Partei der Aktion) und spielte eine führende Rolle im Widerstand in Venetien. Agostino Zanon dal Bo war es zu der Zeit gelungen, eine ganze Gruppe junger Menschen für den Antifaschismus und den Widerstand zu gewinnen. Einer von ihnen war Franco Basaglia. Lucio Rubini, ebenfalls ein Schüler von Zanon dal Bo, erzählte später, dass Franco Basaglia schon zu dieser Zeit ein überzeugter Antifaschist war.

Nach seinem Schulabschluss im Jahre 1943 schrieb Franco Basaglia sich an der Fakultät für Medizin und Chirurgie an der angesehenen Universität im nahegelegenen Padua ein. Zwischenzeitlich hatten die Nationalsozialisten nach dem Waffenstillstandsabkommen zwischen dem Königreich Italien, den USA und Großbritannien am 8. September 1943 Norditalien besetzt. Fortan galt es, Widerstand gegen italienischen Faschisten und die deutschen Nationalsozialisten zu leisten, die in Venedig stark vertreten waren. bild 1 venedig 1920Franco Basaglia beteiligte sich nun aktiv als Widerstandskämpfer an unterschiedlichen Aktionen. So verschaffte er sich bspw. mit einem anderen Widerstandskämpfer eines Nachts Zugang zu einer Schule, um die Wände mit antifaschistischen Parolen zu versehen. Sie schrieben an alle Tafeln: „Morte ai Fascisti, Libertã  ai Popoli” („Tod den Faschisten, Freiheit für die Völker”).

Am 11. Dezember 1944 wurde Franco Basaglia von der faschistischen Polizei verhaftet. In dieser Zeit wurden zahlreiche Antifaschist_innen verhaftet, da die Faschisten die Basiszentrale der Widerstandsbewegung entdeckt hatten.  Nachdem er fünf Tage und Nächte verhört wurde, kam er in das Zentralgefängnis in Venedig. Dort verbrachte er die nächsten sechs Monate bis zum Gefängnisaufstand vom 26. April 1945. Nach einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den gewöhnlichen und den politischen Gefangenen, war es den politischen Gefangenen zusammen mit einigen Wärtern gelungen, die Kontrolle über das Gefängnis zu erlangen. Die Rückeroberung durch die Nationalsozialisten konnte verhindert werden und der bewaffnete Aufstand breitete sich über das gesamte Stadtgebiet aus. Die Ereignisse führten schließlich zur Vertreibung der Nationalsozialisten aus Venedig. Über die Rolle, die Franco Basaglia bei diesen Ereignissen gespielt hat, ist leider wenig bekannt. Die Erfahrungen, die Franco Basaglia im Widerstand und insbesondere im Gefängnis gemacht hatte, prägten jedoch sein ganzes Leben. Sie beeinflussten auch seine späteren Sichtweisen auf die Psychiatrie maßgeblich.

Abschluss des Studiums und Familiengründung

Franco Basaglia war ein brillanter Student und schloss sein Studium 1949 erfolgreich ab. Zwischen 1949 und 1961 arbeitete er als Assistenzarzt in der Klinik für „Nerven- und Geisteskrankheiten” in Padua. 1958 erhielt er seinen Doktortitel. In dieser Zeit veröffentlichte er eine ganze Reihe von akademischen Artikeln und interessierte sich leidenschaftlich für Philosophie. Insbesondere für die Werke von Sartre, Minkowski, Husserl, Heidegger und Merleau-Ponty. Eine Karriere als Universitätsprofessor schien vorgezeichnet zu sein. Diese wurde ihm jedoch - trotz herausragender Fähigkeiten - verwehrt. Grund hierfür waren wahrscheinlich seine revolutionären und unbequemen Ideen.

1945 lernte er Franca Ongaro, seine spätere Frau, in Venedig kennen. Bekannt gemacht wurde sie ihm von Alberto Ongaro, ihrem Bruder, der ein berühmter Widerstandskämpfer und ein ehemaliger Schulfreund von ihm war. Sie heirateten 1953 und bekamen zwei Kinder, Alberta und Enrico Basaglia. Die Bedeutung, die Franca Ongaro Basaglia im Hinblick auf das theoretische und praktische Werk von Franco Basaglia spielte, kann kaum überschätzt werden. Dass sie noch heute zu Unrecht im Schatten ihres Mannes steht, ist in einer Welt, die von Männern dominiert wird, leider wenig verwunderlich. Die erzählenswerte Geschichte von Franca Ongaro Basaglia, die in den 1970er Jahren in Italien zu einer Ikone des Feminismus wurde, kann an dieser Stelle jedoch nicht gesondert erzählt werden.

Basaglias Ankunft in der „Irrenanstalt” in Görz (Gorizia)

1961 zog die Familie Basaglia in die italienische Kleinstadt Görz (Gorizia), die direkt an der slowenischen Grenze liegt, und Franco Basaglia trat am 3. November seine neue Stelle als Direktor der örtlichen „Irrenanstalt” an. Als er zum ersten Mal seine neue Wirkungsstätte betrat, war er fassungslos angesichts der verheerenden  Zustände. Später sagte er: „Die Klinik glich einem Gefängnis”. Die Zustände, mit denen er konfrontiert wurde, erinnerten ihn schlagartig an seine Erlebnisse in faschistischer Gefangenschaft. In der von der Außenwelt abgeschirmten Anstalt in Görz waren zu diesem Zeitpunkt über 600 Insassen untergebracht.

bild 22 depardon trieste gabbia di contenzioneZu der Anstalt gehörten neun Gebäude, ein schöner Park, eine Kirche, eine Bar und eine Farm. Die Anstalt war, wie viele andere Anstalten in Italien und in ganz Europa auch, ein Sammelbecken für die Armen und „Irren”. Ein Sammelbecken für all jene, die aus dem bürgerlichen Raster fielen. Die Gesellschaft sah in ihnen eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung und wollte sie hinter Schloss und Riegel wissen. Die Unterbringung oder besser die Verwahrung in einer psychiatrischen Anstalt war zu diesem Zeitpunkt weithin akzeptiert. Sozialhistorisch betrachtet war sie eine gesellschaftliche Antwort auf die Frage:

„Was machen wir mit denen, die für den Markt zu leistungsschwach oder zu störend sind, was wollen wir sie uns kosten lassen, wofür sind sie überhaupt da?” (Klaus Dörner).

Innerhalb des mit Zäunen und Mauern umgebenen Anstaltsgeländes in Görz wurden die zum größten Teil Zwangseingewiesenen nicht wie Menschen, sondern eher wie defekte Gegenstände behandelt. Männer und Frauen lebten in strikt voneinander getrennten Korridoren und durften das Anstaltsgelände - von wenigen Ausnahmen abgesehen - nicht verlassen. Erniedrigungen, Misshandlungen und Strafen gehörten zum Anstaltsalltag. Ebenso wie die Ruhigstellung mit Medikamenten, das Festbinden an den Betten, die Insulinschocktherapie und die Elektrokrampftherapie. Zudem gab es chirurgische Eingriffe, bei denen kurzerhand Nervenfasern des Gehirns durchgeschnitten wurden. Der UN-Sonderberichterstatter Juan Ernesto Mã©ndez bezeichnete solche Zwangsbehandlungen erst jüngst als Folter.

Die Aussagen von einem ehemaligen Insassen, der zu den Zuständen in der Anstalt vor Franco Basaglias Ankunft befragt wurde, lassen erahnen, was die Menschen erleiden mussten:

„Früher beteten hier nämlich die Leute darum, sterben zu dürfen. Wenn einer starb, läuteten immer die Glocken. Wenn die Glocken läuteten, sagten alle: Mein Gott, wenn ich nur gestorben wäre, sagten sie, ich bin dieses Leben hier drin so leid. Wie viele sind gestorben, die heute leben und gesund sein könnten! (...) Stellen sie sich eine Pflanze vor, die verblüht, weil kein Regen fällt und ihre Blätter verwelken: so erging es hier den Leuten” (zit. n. Vascon).

Schockierend sind auch die Aussagen einer Patientin, die auf die Frage, ob sie eine Zwangsjacke tragen musste, antwortete:

„Den ganzen Tag, von morgens bis abends, und nachts schnallten sie uns im Bett fest, Füße und Hände, alles, wie der Herr Jesus am Kreuz” (ebd.).

Darüber hinaus wurde sie gefragt, ob sie den niemals in den schönen Park der Anstalt gehen durfte. Sie antwortete:  

„Doch in den Garten schon, aber dort hat man uns auch festgebunden. An schönen Tagen, wenn die Sonne schien, hat man uns im Garten angeschnallt. Ich war oft an der Bank im Garten angebunden, oder am Baum im Hof. Mich haben sie immer dort festgebunden” (ebd.).  

Grundlegende Reform der Anstalt nach der Ankunft von Basaglia

„Alles begann mit einem: Nein!” (Franca Ongaro Basaglia).

Angesichts der verheerenden Zustände in Görz stellte Franco Basaglia nicht nur sich, sondern auch die Vertreter_innen seiner Zunft vor die richtungsweisende Wahl, sich entweder schuldig zu machen oder Widerstand gegen die menschenunwürdigen Verhältnisse zu leisten. Er entschied sich für den Widerstand und schritt zur Tat. „Unsere Aktion”, schrieb Franco Basaglia rückblickend, „ging von einer Realität aus, die wir nicht akzeptieren konnten - die Realität der Irrenanstalten”.

Niemand zuvor hatte den Versuch unternommen, eine „Irrenanstalt” von innen heraus aufzulösen. Der Begriff „Experiment”, der in dem Titel eines von Franco Basaglia später herausgegebenen Buches zu finden ist, trifft den Nagel daher auf den Kopf. Sein „Feldzug”, wie es an anderer Stelle heißt, richtete sich jedoch nicht nur gegen die Psychiatrie. Seine Kritik an der Psychiatrie war verbunden mit einer scharfen Gesellschaftskritik. Er stellte eine Verbindung her zwischen den Ausgeschlossenen in den Anstalten und einer ausschließenden Gesellschaft. Zwischen den Menschen in den Anstalten und einer Gesellschaft, die Menschen aufgrund bestimmter Merkmale in diese Anstalten sperrte.

„Unser Gesellschaftssystem, das weit davon entfernt ist, eine Wirtschaftsordnung mit Vollbeschäftigung zu sein, kann an der Rehabilitation des Geisteskranken überhaupt nicht interessiert sein, denn er könnte ja gar nicht aufgenommen werden von dieser Gesellschaft, in der das Problem der Arbeitsplätze nicht einmal für ihre gesunden Mitglieder gelöst ist” (Franco Basaglia).

Diese sozialkritische Sichtweise prägte auch sein Verständnis von psychiatrischen Erkrankungen und deren Ursachen. Er stellte die Diagnosen der klassischen Psychiatrie und der Schulmedizin in Frage, die auf der klaren Unterscheidung zwischen Gesundheit und Krankheit bzw. zwischen Normalität und Abnormalität beruhten. Franco Basaglia verortete die Ursache der psychischen Erkrankungen nicht in den Menschen selbst, sondern eher in den krankmachenden Verhältnissen und Umständen, in denen die Menschen leben mussten. Dementsprechend war er der Auffassung, dass den Menschen nur dann ernsthaft geholfen werden kann, wenn sich die (krankmachenden) Verhältnisse grundlegend ändern. Er erkannte, dass  die „Irrenanstalten” nicht „heilen”, sondern „zerstören”. Dementsprechend forderte er auf dem internationalen Kongress für Sozialpsychiatrie 1964 in London, die Auflösung der Irrenanstalten und den Aufbau von gemeindenahen Strukturen.  

Direkt nach seiner Ankunft in Görz - einige Jahre zuvor -  begann er als neuer Direktor mit der untragbaren Situation ins Gericht zu gehen. Beeinflusst wurde er hierbei von wegweisenden Modellprojekten und von Psychiatern, die bereits begonnen hatten, Alternativen zur Anstaltsverwahrung zu entwickeln. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang insbesondere die von Maxwell Jones gegründete „therapeutische Gemeinschaft” in einem Krankenhaus in Schottland, das von David Cooper geleitete Experiment im englischen Hertfordshire und die von der „Philadelphia Assoziation” um Ronald Laing etwas später ins Leben gerufene Wohngemeinschaft „Kingsley Hall” in London.

Beeinflusst wurde er aber auch von den Schriften von Frantz Fanon, Michel Foucault und Erving Goffman. Sowohl Michel Foucaults berühmtes Werk „Wahnsinn und Gesellschaft” als auch Erving Goffmans einflussreiches Buch „Asyle: Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen” wurden 1961 erstmals veröffentlicht. Genau in dem Jahr, in dem Franco Basaglia Anstaltsdirektor wurde. Erwähnenswert ist, dass das Buch von Erving Goffman von Franca Ongaro Basaglia ins Italienische übersetzt wurde.

Bereits am ersten Tag als neuer Anstaltsdirektor ging Franco Basaglia auf Konfrontationskurs und machte dem Personal deutlich, dass fortan ein anderer Wind wehte. So wollte bspw. eine Krankenschwester die schriftliche Genehmigung von ihm einholen, um die Insassen - wie gewöhnlich - in der Nacht an den Betten festschnallen zu dürfen. Franco Basaglia entgegnete ihr kurz und bündig: „Ich unterschreibe nicht”. Darüber hinaus ließ er die geschlossenen Stationen und das Tor zur Anstalt öffnen und die Gitter, Zäune, Fixierbänder und Zwangsjacken entfernen. Die Struktur der Anstalt wurde grundlegend verändert. Hierarchien wurden abgebaut und die Insassen bekamen die Möglichkeit mitzubestimmen. Demokratische Versammlungen wurden abgehalten und es entstand eine „therapeutische Gemeinschaft”, ein Begriff, den Franco Basaglia direkt von Maxwell Jones übernahm. Die Menschen, die zuvor ihrer Würde beraubt und wie Gegenstände behandelt worden waren, bekamen nun ihre Stimme zurück. Für viele war es ein ungewohntes Gefühl, wie ein Mensch behandelt zu werden, der eine Vergangenheit und eine Zukunft hatte.

Aufschwung und Fall von Basaglia in Görz

Im Zuge der Studierendenbewegung wurde Franco Basaglia und sein gesamtes Team 1968 schlagartig berühmt. Er wurde, wie er selbst später mit Augenzwinkern anmerkte, selbst zu einer Institution. Die Anstalt im entlegenen Görz wurde schnell zur bekanntesten in Italien, wenn nicht sogar Europas. Sie wurde zu einem Symbol einer wachsenden (internationalen) Bewegung, die die alte Psychiatrie in ihren Grundfesten erschütterten wollte und dies auch tat. Einer Bewegung, die plakativ mit dem Wort „Antipsychiatrie” beschrieben wurde.

1968 erschien der von Franco Basaglia herausgegeben Sammelband „Die Negierte Institution oder die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen. Ein Experiment der psychiatrischen Klinik in Görz”. Das Buch wurde, so heißt es in der Biographie von John Foot, zu einer „Bibel” der Bewegung. Die Schriften von Franco Basaglia, die er überwiegend mit Franca Ongaro Basaglia verfasste, fanden reißenden Absatz. Dementsprechend stieg das öffentliche Interesse an seiner Person und an dem Experiment in Görz. Franco Basaglia war fortan im Radio zu hören und im Fernsehen zu sehen. Seine radikalen Ideen erhitzten die Gemüter und riefen die Vertreter_innen der althergebrachten Psychiatrie auf den Plan, die begannen sich ernsthafte Sorgen um ihre Zukunft zu machen. Zudem wetterte die neofaschistische Partei, die in Görz zu diesem Zeitpunkt sehr stark war, gegen das Experiment.

Ein Vorfall, der sich noch im selben Jahr ereignete, kippte Wasser auf die Mühlen der Kritiker_innen. Bis zum Herbst 1968 war es trotz der Öffnung der geschlossenen Stationen und der Anstaltspforten zu keinen nennenswerten Vorfällen gekommen. Beachtlich, war doch die Gesellschaft der Auffassung, dass die 600 Menschen in der Anstalt eine unberechenbare Gefahr darstellten. Diejenigen die von Anfang an gegen das Experiment waren, fühlten sich jedoch in ihren Auffassungen bestätigt, als Giovanni (Alberto) Miklus bei einem Familienbesuch außerhalb der Anstalt am 26. September 1968 seine Frau tötete. Miklus war ein ehemaliger Partisanenkämpfer, der nach einem Selbstmordversuch 1951 in die Anstalt gebracht und dort mehrfach mit Elektroschocks „therapiert” wurde. Der Vorfall ereignete sich gerade auf dem Höhepunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Der Vorfall erschütterte das Verhältnis zwischen Franco Basaglia, seinem Team und den Einwohner_innen von Görz nachhaltig. Teile des Staatsapparates und der öffentlichen Medien wendeten sich ab und die neofaschistische MSI (Italienische Sozialbewegung) startete zahlreiche Hetzkampagnen gegen das Experiment. Franco Basaglia wurde mitunter auf einem Plakat vorgeworfen, Mörder zu entlassen. Der politische und öffentliche Druck stieg beträchtlich.

Im Oktober 1968 wurden Franco Basaglia und sein Kollege Antonio Slavich wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Dies geschah, obwohl Franco Basaglia zum Zeitpunkt der Versammlung, auf der beschlossen wurde, Giovanni Miklus nach Hause zu lassen, in Deutschland bei einer Konferenz war. Im Mai 1971 wurde die Anklage gegen Franco Basaglia, noch bevor es zu einer Gerichtsverhandlung kam, fallengelassen. Anschließend wurde auch Antonio Slavich im Februar 1972 nach einer kurzen Verhandlung freigesprochen. In einem Gutachten, das extra für den Prozess angefertigt wurde, hieß es, dass der Mord nicht vorhergesehen werden konnte und Giovanni Miklus auf dem Weg der Besserung war.

Bereits vor dem Vorfall plante Franco Basaglia, Görz zu verlassen. Die Gründe hierfür sind vielfältig und auch nicht ganz klar. Entscheidend dürften jedoch Unstimmigkeiten und Streitigkeiten innerhalb des Teams gewesen sein. Zudem erschwerte die Provinzialverwaltung von Görz die Arbeit des Teams in erheblicher Weise. Rein formal war Franco Basaglia noch bis 1972 mit den Angelegenheiten in Görz betraut, persönlich anwesend war er allerdings kaum noch. 1969 zogen Franca Ongaro Basaglia und die beiden Kinder zurück nach Venedig und auch Franco Basaglia verließ die Stadt. Die Ära von Franco Basaglia in Görz war zu Ende.

Franco Basaglia als Anstaltsdirektor in Colorno

Franco Basaglia war trotz des Vorfalls ein gefragter Mann und bekam vorübergehend eine Lehrstelle an der Universität der oberitalienischen Großstadt Parma. Zu seinem eigenen Erstaunen waren seine Kurse heillos überfüllt. Zudem nahm er - das erste Mal in seinem Leben - eine Auszeit, die er nach den Strapazen in Görz bitter nötig hatte. Der Schock saß tief. Er verbrachte sechs Monate mit seiner Familie in New York und machte eine Studienreise durch Lateinamerika.

Im Oktober 1970 wurde Franco Basaglia dann Direktor der psychiatrischen Anstalt in Colorno, einer kleinen Gemeinde in der Provinz Parma. Er übernahm dort den Posten seines Freundes Mario Tommasini. Mario Tommasini spielte bereits als Jugendlicher eine aktive Rolle im Widerstand gegen den Faschismus und war aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens. Eine Gemeinsamkeit zwischen Franco Basaglia und Mario Tommasini ist besonders hervorzuheben. Beide hatten im Faschismus die Gefangenschaft am eigenen Leib erfahren und beide waren fassungslos, als sie mit den Zuständen in den Anstalten konfrontiert wurden, für die sie fortan verantwortlich waren, Franco Basaglia in Görz und Mario Tommasini in Colorno. Als Mario Tommasini 1965 die Anstalt in Colorno zum ersten Mal betrat, musste er die sie direkt wieder verlassen, um sich zu übergeben. Es war unerträglich. In der Anstalt, die eigentlich nur für 350 Menschen ausgerichtet war, in der aber 1000 Menschen untergebracht waren, gehörten Gewalt und Tod zum Alltag.  Für Mario Tommasini war die Anstalt die Hölle auf Erden. Angesichts dieser Zustände entschloss auch er sich, Nein zu sagen und etwas zu unternehmen - wie Basaglia in Görz.

Zum Zeitpunkt der Ankunft von Franco Basaglia hatte Mario Tommasini bereits etliche Patient_innen entlassen und zahlreiche Reformen auf den Weg gebracht. Zudem hatte er öffentliches Aufsehen erregt, als er 1969 gemeinsam mit Teilen der Studierendenbewegung die Anstalt für vierzig Tage besetzte und den Anstaltsbetrieb lahmlegte. Auf einem Banner war damals die Aufschrift zu lesen „Colorno wird unser Vietnam”. Die Vorgehensweise von Mario Tommasini in Colorno unterschied sich von der Vorgehensweise von Basaglia in Görz. Sie war wesentlich radikaler. In Colorno ging es in erster Linie nicht darum, die Zustände in der Anstalt zu verbessern oder zu reformieren, wie in Görz. Mario Tommasini nutzte bewusst seinen politischen Einfluss und verfolgte konsequent das Ziel, möglichst viele Patient_innen in die Freiheit zu entlassen.

Franco Basaglia war von Oktober 1970 bis August 1971 Direktor der Anstalt. Regelmäßig anwesend war er jedoch nur sechs Monate. In seiner Zeit als Direktor ist überraschend wenig passiert. Die offizielle Begründung lautet, dass die Provinzialverwaltung ihm nicht die nötigen Freiheiten einräumte. Möglicherweise war die Stadt für Franco Basaglia und Mario Tommasini auch nicht groß genug. Vor dem Hintergrund dieser unbefriedigenden Lage in Colorno, die Franco Basaglia zu schaffen machte, bekam er bei einem Abendessen mit Michele Zanetti ein verlockendes Angebot, das er nicht ausschlagen konnte. Michele Zanetti war der damalige Präsident der Provinzverwaltung in Triest, einer Hafenstadt an der oberen Adria. Er bot Franco Basaglia den Posten als Direktor im „Ospedale San Giovanni” in Triest an. Die Anstalt hatte noch keine Reformen gesehen und Zanetti versprach seine volle politische Unterstützung. Zudem versicherte er Franco Basaglia, dass er die Freiheiten bekommen würde, die er sich wünschte.

Auflösung der „Irrenanstalt” in Triest

bild 18 trobl trieste 1910 il frenocomio di trieste appena aperto san giovanni i padiglioni1971 wurde Franco Basaglia Direktor der Anstalt in Triest, in der zu diesem Zeitpunkt 1182 Menschen untergebracht waren. Das Anstaltsgelände erstreckte sich über ein Gebiet, das fast so groß war wie ein Stadtteil. Zu dem Gelände gehörten insgesamt 21 Gebäude. Die Voraussetzungen für grundlegende Reformen waren in Triest 1971 wesentlichergünstiger als in Görz 1961. Die Zeiten hatten sich gewandelt und es eröffneten sich ganz neue Spielräume.

Beeinflusst und beeindruckt von der Vorgehensweise von Mario Tommasini in Colorno ging es Franco Basaglia in Triest nicht mehr darum, den „Käfig” zu vergolden. Es ging darum, die Anstalt konsequent aufzulösen. Der Ansatz von Franco Basaglia in Triest war also wesentlich radikaler als in Görz. bild 19 trieste 1910 il frenocomio di trieste appena aperto san giovanni camerateIn einem ersten Schritt wurden die schlimmsten Zwangsmaßnahmen in Triest abgeschafft und die geschlossenen Stationen geöffnet. In einem zweiten Schritt wurden außerhalb der Anstalt gemeindenahe Zentren errichtet, die die Unterstützung in den Stadtteilen sicherstellten.Die sog. „Centri d'Igiene Mentale” (CIM) unterstützten die Menschen in ihren eigenen vier Wänden und konnten in Krisensituationen für einige Tage ein Zimmer zur Verfügung stellen.Von einem CIM wurden durchschnittlich 6000 Hausbesuche pro Jahr gemacht.Die Menschen konnten fortan die Unterstützung, die sie benötigten, vor Ort in den Gemeinden in Anspruch nehmen. Die Versorgung und Unterbringung in der Anstalt wurde so überflüssig. Im Verlauf der Zeit entstanden zudem kleine Betriebe, in denen entlassee Patient_innen einer geregelten Arbeit nachgehen konnten und Geld verdiente.

bild 2depardon trieste 1979 franco basaglia visita un gruppo appartamentoEs wurden gemeindenahe Zentren gegründet, in denen die Menschen vor Ort Unterstützung bekamen. Sie mussten, um Hilfe zu bekommen, nicht mehr in eine abgeschiedene Anstalt gehen, die fernab der Zivilisation gelegen war. Zudem wurden zahlreiche kreative Projekte durchgeführt. Ein Projekt wurde weltberühmt und ist besonders erwähnenswert: In der Anstalt in Triest gab es ein altes Pferd, das Marco hieß. Das Pferd wurde dazu eingesetzt, die Wäsche der Anstalt mit einem Karren zu transportieren. Einige der älteren Patient_innen scherzten, dass Marco der einzige war, dem es gelang, das Anstaltsgelände zu verlassen. Eines Tages kündigte die zuständige Behörde an, den alten Marco schlachten zu lassen. Er sollte durch ein Transportfahrzeug ersetzt werden. Empört richteten einige Patient_innen ein Schreiben an die Behörde, in dem sie forderten, das Pferd am Leben zu lassen. Marco blieb am Leben und bekam sogar einen sädtisch finanzierten Stallplatz auf Lebenszeit. Nach diesem glorreichen Sieg über die Behörde bauten die Patient_innen zusammen mit einer Gruppe von Künstler_innen ein überlebensgroßes blaues Pappmaché-Pferd.Dieses Pferd zogen sie anschließend durch die Straßen von Triest.bild 16 trieste 1984 cooperativa agricola monte san pantaleone monte san pantaleone coltivazione agricola Das blaue Pferd wurde so zu einem Symbol des Widerstands und des Überschreitens von Grenzen. In Deutschland fand das Projekt dann später Nachahmung. Die Vorstellungen, die in Görz Utopien blieben, wurden in Triest Wirklichkeit. Bereits nach sechs Jahren hatte Franco Basaglia mit seinem Team das erreicht, was viele für unmöglich gehalten hatten. Die Anstalt löste sich auf. Die Patient_innenzahlen belegen dies eindrücklich:
  

1971: 1.182 1972: 1.058 1973: 930
1974: 625 1975: 470 1976: 253
1977: 132 1978: 87  


bild 9 smith trieste 1973 marzoHeute existiert die Anstalt nicht mehr. Franco Basaglia und sein Team lieferten in Triest den historischen Beweis, dass die Auflösung der „Irrenanstalten” und die Wiedereingliederung der Insassen in die Gesellschaft möglich war. Triest war zum damaligen Zeitpunkt allerdings nicht die einzige Anstalt, die diesen Beleg erbrachte. Die Erfolge in Perugia und Arezzo, auf die hier nicht weiter eingegangen werden kann, sprachen ebenfalls eine deutliche Sprache. Zwar gab es auch in Triest vereinzelte Vorfälle, die hitzig diskutiert wurden, eine landesweite Reform der italienischen „Irrenanstalten” war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Politiker_innen sämtlicher Parteien kamen mehr und mehr zu der Einsicht, dass die bestehenden Zustände nicht mehr tragbar sind.

Franco Basaglia versuchte nun, den politischen Druck zu erhöhen, um landesweite Reformen anzustoßen. Unter seiner Federführung wurde bereits 1973 die Vereinigung „Psichiatria Democratica” (Demokratische Psychiatrie) in Bologna gegründet. Die „Psichiatria Democratica” sah in den alten Anstalten eine „verfassungsfeindliche Praxis” und forderte gemäß ihrem Programm, die Schließung sämtlicher „Irrenanstalten” in Italien. Mit dem „Gesetz Nr. 180” sollte diese Forderung 1978 formale Wirklichkeit werden.

Das Gesetz Nr. 180 - „Basaglias Gesetz”

Das Gesetz Nr. 180, das unter dem Namen „Basaglias-Gesetz” in die Geschichte einging, bildete den Höhepunkt einer Karriere auf „medizinischen Barrikaden”. Es entstand in nur wenigen Monaten unter enormem Zeitdruck, der ausgelöst wurde durch eine Unterschriftenaktion der Radikalen Partei. Diese hatte unter ihrem Vorsitzenden Marco Pannella 700 000 Unterschriften für ein Referendum gesammelt. Die Bürger_innen Italiens sollten die Möglichkeit bekommen, das geltende Unterbringungsgesetz von 1904 außer Kraft zu setzen. Das Gesetz schrieb die Verwahrung und die Entmündigung von psychisch erkrankten Menschen in Anstalten vor. Ein heilloses Chaos wurde befürchtet, sollten die Bürger_innen für die Abschaffung des Gesetzes stimmen, da es kein Gesetz gab, das die Versorgung alternativ hätte regeln können. Letztlich gab es nur eine Möglichkeit, das Referendum abzuwenden: die Verabschiedung eines neuen „modernen” Gesetzes. Bei der Erarbeitung dieses Gesetzes, des „Gesetzes Nr. 180”, war die Psichiatria Democratica und Franco Basaglia persönlich beteiligt. Am 16. Mai 1978 trat es schließlich in Kraft. Zum ersten Mal in der italienischen Geschichte wurde ein Gesetz erlassen, das die Menschen in den Anstalten als gewöhnliche Staatsbürger_innen mit Rechten und Pflichten anerkannte. Es war der formale Anfang vom Ende des italienischen Anstaltswesens. Zwangseinweisungen wurden erheblich erschwert und Neuaufnahmen in die „Irrenanstalten” verboten. Das Gesetz zielte darauf, eine gemeindenahe Versorgung sicherzustellen und Aufnahmen in die Anstalten unbedingt zu vermeiden. Zudem hieß es in Artikel 64:

„Es ist in jedem Fall verboten, neue psychiatrische Kliniken zu errichten”.

Nach der Verabschiedung des Gesetzes Nr. 180 mahnte Franco Basaglia zur Besonnenheit und zur Vorsicht. Die Versuche, das Gesetz noch vor seiner Umsetzung auszuhöhlen und zu verwässern, waren zahlreich und massiv. Abgesehen davon war das Gesetz für Franco Basaglia eher ein Kompromiss und die praktische Umsetzung alles andere als gewährleistet. In einem Interview, das 1980 kurz vor seinem Tod geführt wurde, kommt seine Haltung deutlich zum Ausdruck:

„SPIEGEL: Herr Professor Basaglia, in Deutschland kommt die Reform der Psychiatrie nicht voran, in Italien hingegen wurde 1978 ein revolutionäres Gesetz verabschiedet, das die Abschaffung der alten, oft an Konzentrationslager erinnernden Irrenhäuser verlangt...

BASAGLIA: ...das klingt so, als ob bei uns in Italien schon alles bestens geregelt sei. Das stimmt aber nicht, es gibt noch viele Probleme.”

Franco Basaglia blieb skeptisch und entschloss sich 1979, Triest zu verlassen, um nach Rom zu gehen. Dort wurde er „Koordinator für psychiatrische Assistenz” in einem Gebiet, das ca. 5 Millionen Menschen umfasste. Die Motivation, die hinter seiner Entscheidung stand, war eindeutig. Er wollte mit einer einflussreicheren Position seinen Beitrag zur bestmöglichen Umsetzung des Gesetzes leisten. Ein bösartiger Gehirntumor setzte seinem Leben und Wirken jedoch ein jähes Ende. Er starb mit nur 56 Jahren am 29.08.1980.

Nachwirkungen

Die Bewegung hatte einen ihrer wichtigsten und hellsten Köpfe verloren und die Umsetzung des Gesetzes erwies sich als eine enorme Herausforderung. Mit dem Gesetz Nr. 180 war die Schlacht noch lange nicht geschlagen und der Kampf ging weiter. Franca Ongaro Basaglia übernahm das Ruder und setzte sich bis zu ihrem Tod entschlossen für die Umsetzung des Gesetzes ein. Der Einsatz von Ongaro Basaglia war bitter nötig, denn es gab zahlreiche Versuche, das Gesetz zu kippen und auszuhöhlen.

Bei der Umsetzung des Gesetzes gab es große regionale Unterschiede und die Reformen sind bis heute nicht abgeschlossen. Probleme entstanden insbesondere dort, wo die alten Verwahranstalten geschlossen und zu wenig Geld in die gemeindenahe Versorgung investiert wurde. So blieben viele Patient_innen ohne Behandlung und waren auf sich gestellt. Dennoch lässt sich eine durchaus positive Zwischenbilanz ziehen:

„Bis zur Jahrhundertwende wurden die meisten italienischen Anstalten geschlossen; unnötige Zwangsmaßnahmen kommen praktisch nicht mehr vor; Patienten werden nun Gäste genannt; offene Behandlung wird gewährleistet; die Bettenzahl ist auf ungefähr ein Drittel geschrumpft; viele Behandlungen wurden auf ambulante Dienste verlagert; Hausbesuche haben sich besonders bewährt; (…) der Akutbehandlung dienen 15-Betten-Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern” (Schott und Tölle).

Die Nachwirkungen von Franco Basaglia waren erheblich und erstreckten sich weit über die italienischen Landesgrenzen hinaus. So fand bspw. nach Basaglias Tod eine Sitzung im brasilianischen Parlament statt, in der über die Schließung der brasilianischen Verwahranstalten debattiert wurde. Angestoßen wurde diese Debatte u.a. durch die Vorträge, die Franco Basaglia zusammen mit Robert Castel, Erving Goffman und Felix Guattari in Brasilien hielt. Beispielhaft für den Einfluss Basaglias im deutschen Raum steht Klaus Dörner, dem es mit seinem Team in Gütersloh als Klinikdirektor zwischen 1980 und 1996 gelang, alle chronisch-kranken Menschen der Anstalt in die eigene Wohnungen zu entlassen.

„Wir konnten so empirisch nachweisen, dass kein Mensch wegen einer psychischen Erkrankung, egal wie schwer sie ist, dauerhaft in einer Institution leben muss” (Dörner zit. n. Goettle).

Franco Basaglia: Eine Geschichte des Überlebens und des Widerstands

Die beeindruckende Geschichte von Franco Basaglia ist letztlich eine Geschichte des Kampfes gegen menschenunwürdige Verhältnisse. Bereits im jungen Erwachsenenalter leistete Franco Basaglia aus politischer Überzeugung heraus bewussten Widerstand gegen den Faschismus und den Nationalsozialismus. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in faschistischer Gefangenschaft konnte er die Zustände in den italienischen „Irrenanstalten” nicht ertragen. Er konnte weder wegsehen noch mitmachen, wie es so viele getan haben. Er entschloss sich, Nein zu sagen und den Versuch zu unternehmen, etwas zu verändern. Die Kraft hierfür nahm er einerseits aus seiner politischen Überzeugung, die durch seine Bildung gefestigt wurde. Andererseits spendeten ihm seine Weggefährt_innen und insbesondere seine Frau Franca Ongaro Basaglia immer wieder Kraft, die er brauchte, um weiterzumachen und nicht aufzugeben. Ebenso bedeutsam dürfte das Mitgefühl gewesen sein, das er gegenüber den Menschen in den Anstalten empfand, die ihre Stimme und ihre Rechte verloren hatten und wie Gegenstände behandelt wurden. Dabei scheute er es nicht, selbst zu einem „Störfaktor” zu werden.

„So wie man den Geisteskranken aus der Gesellschaft ausstößt, weil er ein sozialer Störfaktor ist, so versucht man auch diejenigen auszustoßen, die sich mit ihm solidarisieren und damit ebenfalls zum sozialen Störfaktor werden” (Franco Basaglia).

Im Kampf um des Menschen Rechte war Franco Basaglia dazu bereit, die negativen Konsequenzen seines Widerstandes in Kauf zu nehmen. Er  wurde oft für „verrückt” erklärt, aber glücklicherweise  - wie er selbstironisch bemerkte - nie in eine Anstalt gesteckt. Zeit seines Lebens war er eine Stimme der Ausgeschlossenen und Ausgestoßenen.

Psychisch kranke und behinderte Menschen werden auch heute noch entrechtet, diskriminiert, benachteiligt und von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. Die außergewöhnliche Geschichte von Franco Basaglia, der seiner (und unserer) Zeit weit voraus war, entfaltet vor diesem Hintergrund ihre Aktualität. Sie kann eine wertvolle Inspirationsquelle für die heutigen Kämpfe um des Menschen Rechte sein. Die Ziele, für die Franco Basaglia eintrat, sind noch lange nicht erreicht.  

Literatur

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Stefan Schuster
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