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Nour Abdel Khalek

"Überall kann man sterben: auf dem Meer, in den Bergen, auf der Ladefläche eines Lasters. Ich wußte das, aber ich hatte keine Wahl. (...) An meinem 42. Tag im Osten fing mein helles Bild von Deutschland an zu bröckeln."

Nour Abdel Khalek

 

Daten & Fakten

Lebensdaten
Orte des Widerstands
Werdegang (Schule, Ausbildung, Beruf)
Rezeption, Literatur, Filme und andere Quellen
Widerstandskräfte
Das Recht, wofür sich die Person einsetzt

Einleitung

Die Geschichte

Nour Abdel Khalek

"Überall kann man sterben: auf dem Meer, in den Bergen, auf der Ladefläche eines Lasters"

Nour Abdel KhalekNour Abdel Khalek wuchs in Damaskus (Syrien) auf. Noch während ihres Studiums brach der Krieg in Syrien aus, zu diesem Zeitpunkt war sie bereits Mutter von zwei kleinen Kindern. War die Lage in Syrien und zunehmend auch in der Hauptstadt Damaskus durch den Krieg zunehmend unsicher, verschlechterte sich ihre Lage nach der Trennung und Scheidung von ihrem Ehemann noch weiter. Auch wenn sie immer Unterstützung durch ihre Eltern und insbesondere ihren Vater erhielt, war die Situation für eine alleinerziehende Mutter in Syrien so schlecht, dass sie 2015 beschloss, nach Europa zu fliehen. Sie wollte ihren Kindern ein Leben in Sicherheit ermöglichen. "Bei uns in Syrien spricht man von der Todesroute (wörtlich übersetzt: Todesreise), wenn sich Geflüchtete auf den Weg nach Europa machen," schreibt Nour in einem Artikel in der Geflüchteten-Zeitschrift Here-in Bochum. "Überall kann man sterben: auf dem Meer, in den Bergen, auf der Ladefläche eines Lasters. Ich wußte das, aber ich hatte keine Wahl." Aufgrund eines Finanzembargos war eine Flugreise nicht möglich. Nour fuhr daher mit ihren damals fünf- und siebenjährigen Kindern mit dem Auto in den Libanon, um von dort nach Izmir in die Türkei zu fliegen. Von Izmir aus wollte sie mit dem Boot Griechenland erreichen. Erst der fünfte Versuch gelang. Ein Boot sank, bei einem anderen Boot fiel der Motor aus und weitere Versuche wurden von der türkischen Polizei vereitelt. Sie musste sich ohne Nahrung mehrere Tage mit ihren Kindern in den Bergen verstecken. Von Griechenland ging die beschwerliche Reise mit dem Bus und tagelangen Fußmärschen weiter. "Ich habe nächtelang nicht geschlafen, da ich Angst um meine Kinder hatte." Insgesamt dauerte ihr Weg nach Deutschland siebzehn Tage. In Österreich sei sie das erste Mal freundlich empfangen worden und sie und ihre Kinder verspürten erstmals keine Angst vor der Polizei. 

In Deutschland kam sie zunächst in eine
Erstaufnahmeeinrichtung in Ostdeutschland

Insgesamt lebte sie 5 Monate in Ostdeutschland, eine Zeit über die sie nicht gerne spricht. Die Erfahrungen schildert sie in einem weiteren Artikel der Zeitschrift Here-in Bochum. Ihre ersten Monate in Deutschland waren geprägt von Ablehnung und Hass. "An meinem 42. Tag im Osten fing mein helles Bild von Deutschland an zu bröckeln."  An diesem Tag erlebte sie den Widerwillen der Behörden, mit den Geflüchteten auf Englisch zu kommunizieren. Aber wie sollten Menschen, die erst seit einem Monat in Deutschland waren, sich auf Deutsch verständigen? Nour hatte als studierte Anglistin den Willen und auch alle Voraussetzungen, schnell eine Fremdsprache zu erlernen, doch dies war unmöglich. Wie war es erst für die Geflüchteten aus ärmeren und ländlicheren Regionen? Hier versuchte Nour durch Übersetzung zu helfen. 
Institutionellen Rassismus erlebte Nour insbesondere von Seiten der ihr zugewiesenen Sozialarbeiteren, die Nour zwang, mir ihren Kindern in ein abgelegenes Dorf ohne Infrastruktur und ausreichende Busanbindung zu ziehen. Sie zwang Nour, ein Formular zu unterzeichnen, sonst müsse sie mir ihren Kindern im November auf der Strasse schlafen. "Ist es zu glauben, dass man in Deutschland unter Androhung Dinge unterschreiben muss? Ich bin hierher gekommen, um in einer Demokratie zu leben (...)".  Von den Dorfbewohnern erfuhr Nour Ablehnung und Feindseligkeit. "Die Dorfbewohner hatten in ihren Herzen Angst vor uns Fremden." 
Aufgrund eines in Syrien operierten Rückenmark-Tumors war es ihr nicht möglich, lange Strecken zu Fuss zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren, so war sie in dem Dorf ohne Supermarkt, das zwölf Kilometer von der nächsten Stadt entfernt war, mit ihren zwei kleinen Kindern hilflos und allein. Sie hatte Angst, im Dunkeln das Haus zu verlassen und verfiel zunehmend in Depression.


Auch erlebte die kleine Familie fremdenfeindliche Übergriffe, so als junge Männer in ihrem Auto mit hoher Geschwindigkeit auf die auf der Strasse spielenden Kinder zufuhren und letztlich so dicht an ihnen vorbeirasten, dass ein kleines Mädchen stürzte und sich den Arm brach. Ein weiteres Mal wurden Böller in den Briefkasten des Heims geworfen. Man stelle sich vor, was dies bei durch Krieg traumatisierten Menschen auslöst. Schliesslich entschied sich Nour, weiter für ihre Kinder zu kämpfen, sie suchte den Direktor des Heimes auf und schilderte diesem ihre Situation und bat um Hilfe.  Doch auch nach diesem Gespräch erhielt sie keine Unterstützung. 
Endlich wurde ihr mitgeteilt, sie könne ihre Aufenthaltsgenehmigung abholen. Als Nour erkannte, dass diese Genehmigung bereits vor drei Monaten ausgestellt wurde und man ihr das Dokument vorenthalten hatte, verspürte sie vor allem Wut. Sie hatte auch bis zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht den ersten Bescheid des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ausgehändigt bekommen - hat ihn bis heute nicht! "Während alle anderen Kinder aus dem Heim bereits zur Schule oder in den Kindergarten gingen, mussten wir zuhause bleiben! Meine Kinder litten unter der Langeweile. Sie spürten die ablehnende Haltung der anderen Kinder, weil sie kein Deutsch lernten und auch sonst nicht teilhaben konnten." Als sie ihre Aufenthaltsgenehmigung erhalten hatte, ist sie direkt nach Bochum gezogen. Hier fühlt sie sich wohl und sicher. Über ihre Erlebnisse möchte sie ungerne sprechen, da es sie noch sehr mitnehme. Ihre Kinder verabeiten die schwere Zeit mit Hilfe von Therapeuten. Auch bei den Menschen in Bochum bemerkt sie viele Vorurteile gegen Geflüchtete, so würden die Menschen hier denken, Syrerinnen und Syrer seien arbeitsscheu und wollten kein Deutsch lernen. Sie erhofft sich, auch durch ihre Arbeit bei der Geflüchteten-Zeitschrift, dazu beitragen zu können, dass diese Vorurteile abgebaut werden. Zum Schutz ihrer Kinder - auch vor den Drohungen des noch in Syrien lebenden Ex-Ehemanns - möchte Nour keine näheren Angaben zu ihren Kindern machen und auch keine Fotos von ihnen veröffentlichen.

 

Daniela Collette

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